Sonntag, 23. Mai 2021

Mein Leben im Wandel

Bevor das Virus namens Corona die Regierenden dieser Welt kaperte, hatte ich, die Autorin dieses Blogs, zwei Standbeine zur finanziellen Absicherung: Ich arbeitete als freie Mitarbeiterin für eine Wochenzeitung als Reporterin. Hier schrieb ich vornehmlich über Stadtfeste, Kunst und Kultur. Da von alledem nichts mehr stattfinden durfte, um die Verbreitung der Virenflut zu verhindern, erhielt ich natürlich keine Aufträge mehr. Der Verlag äußerte sich so: „Wir müssen alle Aufträge bis auf Weiteres stornieren. Die aktuelle Lage zwingt uns leider dazu, drastische Maßnahmen einzuleiten...“ Mir fehlen in Folge dessen knappe 4.000 Euro in der Jahres-Haushaltskasse. Mein Antrag beim Bundesfinanzministerium auf eine Überbrückungshilfe blieb ohne jegliche Reaktion. 

 


 

Mein zweites Standbein waren die Mieteinnahmen, die ich mit meinem Ferienhaus erzielte. Das Verbot der Regierung, ein Ferienhaus an Touristen zu vermieten (Das Warum erschließt sich mir bis heute nicht. Wo ist die Infektionsgefahr im Ferienhaus?), verminderte meine Einnahmen um 6.000 Euro gegenüber dem Vorjahr. Eine Entschädigung für den Mietausfall gibt es von keiner Seite. 

 


 

Die Rente meines Ehemannes ist jetzt unser beider Unterhalts-Sicherung. In Zeiten, in denen weder Reisen, noch Restaurantbesuche oder der Besuch von Kulturveranstaltungen erlaubt sind, spart man natürlich eine Menge Geld. Sollte ich der Regierung also vielleicht besser dankbar sein für mehr Freizeit und weniger Ausgaben?

Ich denke nicht daran! Denn ich will ein selbstbestimmtes Leben führen, in dem ich selber entscheide, wie ich lebe, wofür ich Geld ausgebe, wie ich mich um meine Gesundheit kümmere.


Der Wandel begann mit der Italien-Reise im März 2020, die ich nach einem Tag Aufenthalt abbrechen musste, weil plötzlich Veranstalter und Gastland im Panikmodus waren. Ein Virus bedrohte die Menschheit. Natürlich war auch ich zu dem Zeitpunkt noch in Sorge, wie sich die Situation entwickeln würde. Deshalb informierte ich mich bei allen Quellen, die sich mir boten. Die tägliche ARD-Tagesschau erschien mir von Beginn an zu einseitig in ihrer Berichterstattung und zu sehr effekthascherisch in der Aufbereitung von Fakten und Zahlen. Die von RKI und WHO verkündeten Werte und Worte wurden zur einzigen Wahrheit, deren Hinterfragung verpönt war.


Auf vielen Seiten in den sozialen Medien fühlte ich mich besser informiert. Bei Dr. Bodo Schiffmann von der Schwindelambulanz in Sinsheim (inzwischen einer der bekanntesten „Verschwörungstheoretiker“) entdeckte ich eine sehr viel entspanntere Betrachtungsweise des Virus-Geschehens, was mich beruhigte, weil seine Ausführungen mir logisch erschienen. Ich fühlte mich in meinen Ansichten rund um das Virus und dessen relativ geringe Bedrohung für den gesunden Menschen bestätigt. Weitere renommierte Ärzte und Wissenschaftler, wie beispielsweise Sucharit Bhakdi, Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie, oder der Mediziner Wolfgang Wodarg halfen mir, mit ihren Darlegungen die Krankheit Covid zu verstehen und neutralisierten meine Angst vor einer lebensbedrohlichen Infektion.

Ich teilte meine so geläuterten und neu strukturierten Gedanken mit meinen Facebook-“Freunden“, von denen ich prompt mit einem immensen Shitstorm überzogen, in die „rechte Ecke“ gestellt wurde. In den meisten Fällen wurde mir vorgeworfen, die Corona-Opfer zu ignorieren, das Leid ihrer Familien mit Füßen zu treten.

Dem war und ist überhaupt nicht so. Aber mir erschienen die gemeldeten Zahlen von Erkrankten (nicht positiv Getesteten und symptomlos Infizierten) und Todesfällen schlichtweg „normal“. Jede Krankheitswelle fordert ihre Opfer. Meistens sind jene Menschen betroffen, die alt und schwach oder kein gut funktionierendes Immunsystem haben. So lief es bei Covid in meinen Augen auch.

Etwa 950.000 Tote zählt Deutschland in jedem Jahr. Rund zwei Drittel dieser Menschen sind älter als 75 Jahre. Von den 950.000 Menschen sterben allein 344.000 an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, 227.000 an Krebs, 68.000 an Krankheiten des Atmungssystems, 9.000 durch Suizid. An oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit Sars-CoV-2 starben in Deutschland seit Beginn des Ausbruchs in 2020 bis zum 20. Mai 2021 nach den Zahlen des Robert Koch-Instituts 87.385 Menschen, nicht einmal ein Zehntel der Menschen, die in jedem Jahr in Deutschland sterben. Zudem werden alle Verstorbenen, die positiv auf das Virus getestet waren, als Covid-Tote gezählt. Daher ist davon auszugehen, dass der eigentliche Grund des Ablebens in den meisten Fällen eine der anderen, vorgenannten Todesursachen ist.

Für mich sprechen diese Zahlen eine deutliche Sprache. Covid-19 ist in meinen Augen keine Krankheit, vor der ich mich mehr fürchten muss, als vor Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebs.

Leider stelle ich fest, dass kaum jemand aus dem Freundes- oder Familienkreis ähnlich angstfrei mit der Krankheit umgeht. Die meisten akzeptieren die Endlichkeit des eigenen Seins nicht. Dabei steht eines in jedem Fall fest: Sterben werden wir alle. Die Folgen der Impfung können das ebenso leicht herbeiführen, wie eine x-beliebige Krankheit, ein Unfall oder Alkohol- bzw. Drogenmissbrauch. Dennoch fürchten sich die Menschen einzig vor den Corona-Erkrankungen, sogar dann, wenn sie Kettenraucher sind. Mir entzieht sich da die Logik.

Mit der Angst vor dem Virus steigt bei vielen die Angst vor dem Mitmenschen. Sie wechseln die Straßenseite, wenn ihnen jemand entgegenkommt, sie verweigern dem Freund die Umarmung oder den Handschlag, sie akzeptieren das einsame Sterben ihrer Angehörigen in Altersheimen und Krankenhäusern. Die Impfung scheint die einzige Rettung zu sein, den eigenen frühzeitigen Tod abzuwenden. Sich impfen zu lassen, gleicht daher im Moment einem sportlichen Wettbewerb. Wer bekommt zuerst den besten Impfstoff? Impftermine werden wie negative Testergebnisse auf den sozialen Kanälen regelrecht gefeiert. Weil die Regierung alte per Grundgesetz garantierte Freiheiten zu neuen erklärt, treibt die Menschen nicht nur die Angst vor der Krankheit, sondern mindestens in 50 Prozent der Fälle der Wunsch nach Reisen, Kulturveranstaltungen und Restaurantbesuchen an die Nadel.

Die Folge ist, dass wir an diesem Wochenende in der nach Monaten endlich geöffneten Außengastronomie Scharen von Menschen sitzen sehen, denen die drei Gs (geimpft, genesen, getestet) nicht zuviel sind, um „ihr Leben zurückzubekommen“.


Auch in meiner Familie war der Drang zur Impfung groß. Einer von ihnen musste jetzt dafür bezahlen. Ihn erwischte die als „selten“ eingestufte Impfnebenwirkung einer Hirnblutung. Er liegt gerade zwischen erster und zweiter Impfung auf der Intensivstation und glaubt den Ärzten, die gar nicht schnell genug versichern können, dass dieser Vorfall in keinem Zusammenhang mit der Impfung steht. Seine größte Sorge ist es, nun die zweite Impfung zu verpassen, weil er doch im Krankenhaus liegen muss. Wie soll man das verstehen, wenn Menschen, die man mag, ein solches Denken entwickeln?

Mein Ehemann steht leider auch an der Entscheidungs-Grenze. Seine Freizeitpartner – alle geimpft – bedrängen ihn täglich, er solle sich doch auch den „Pieks gönnen“. Danach könne er alles wieder tun, auf was er so lange verzichten musste. Leider glauben Ehemänner ihren Freunden meist mehr als den eigenen Ehefrauen. Ich fürchte, ich werde auch ihn an die Impfung verlieren, weil er dazugehören möchte zu der alten Clique, weil er noch einige Reisen machen möchte, bevor er sich von dieser Erde verabschiedet. 


 

Ich dagegen entwickele mich offenbar zu einem Zombie. Es wird so weit kommen, dass ich mein Haus nicht mehr verlasse, um als Ungeimpfter nicht bespuckt oder gar gesteinigt zu werden. Weil ich weder die in meinen Augen körperverletzende medizinische noch die FFP2-Maske tragen will (mir ist ihr medizinischer Nutzen gegen Viren nicht bekannt, sie stinkt, ich will nicht meine eigene Atemluft einatmen, ich bekomme Herpes davon und sie weckt ein Kindheitstrauma) bin ich schon jetzt ein ziemlich starker Stubenhocker geworden. Ich kaufe online: Lebensmittel, Drogeriewaren und Tierfutter. Ich treffe mich nur noch mit anderen Verschwörungstheoretikern, wie wir von unseren alten Freunden heute genannt werden. Die soziale Kälte meiner Mitmenschen, Stigmatisierung und Ausgrenzung machen mir tatsächlich mehr zu schaffen als die Sorge vor jedweder Krankheit.


Eine Auswanderung, die Gesinnungsfreunde anstreben, ist für mich keine Option. Mein Heimatland verlasse ich nur, wenn körperliche Gewalt droht. Ich harre aus und tröste mich mit meinem Alter. Die paar Jahre (vielleicht) werde ich wohl noch schaffen, auch unter diesen so traurigen Bedingungen. Meine eigene kleine Welt wird mir über die Zeit helfen, so dass ich dann am letzten Tag mit frohem Mut gehen kann, um denen die Welt zu überlassen, die ein Virus in die Unmenschlichkeit trieb.

Dienstag, 1. Dezember 2020

Schaustellerei als Antidepressivum

Man erzählt sich, dass das Gen von Ur-Uropa Lanser stammt, der vor rund einhundert Jahren mit einer Weinhandlung in Koblenz an den Start ging. Mit Mara ist die Koblenzer Familie Lanser nun in sechster Generation im Schausteller-Gewerbe. Samt Stadel, Almdorf, Brau-Stüberl und anderen Ständen ihrer „mobilen Erlebnisgastronomie“ ziehen die Lansers seit Jahrzehnten durch ganz Deutschland von Kirmes zu Schützenfest, Flohmarkt und Volksfest, um den Besuchern Gaumengenuss und einen Ort für fröhliche Geselligkeit im Großen und Kleinen zu bieten. Fast das ganze Jahr über hat die Familie bis zu sechs Imbisse sowie große Biergärten in Betrieb. Einzig die Monate Januar bis März zählen die Lansers, wie alle Schausteller, zur Sauren-Gurken-Zeit. Dann können Reinigungen und nötige Reparaturen durchgeführt und einmal Urlaub genommen werden.

Im Jahr 2020, als das weltweit aktive Corona-Virus zur Pandemie erklärt wurde, verlängerte sich die Saure-Gurken-Zeit auf unbestimmte Dauer und stürzte damit Familie Lanser in eine schwere Krise. Da sämtliche Groß-Veranstaltungen verboten wurden, um die Verbreitung des Virus einzudämmen, sahen sie sich ihrer Existenzgrundlage beraubt. „Wir haben auf dem Koblenzer Weihnachtsmarkt 2019, wo meine Familie die beliebte Weihnachts-Pyramide betreibt, die letzten Umsätze erzielt“, sagt Mara.

Normalerweise wären sie dieses Jahr Mitte April für vier Wochen zum Stuttgarter Frühlingsfest gefahren. Des Weiteren standen auf dem Jahresprogramm die Heddesdorfer Pfingstkirmes, der Pützchens Markt in Bonn, Rhein in Flammen, Oktoberfeste und der Mayener Lukasmarkt. Nichts durfte stattfinden. Nun sind noch die Weihnachtsmärkte abgesagt worden. Damit sind sämtliche Veranstaltungen den Anti-Corona-Maßnahmen zum Opfer gefallen. Für die Null-Umsatz-Katastrophe wirkte die erste staatliche Unterstützung in Höhe von 9.000 Euro lediglich als Tropfen auf den heißen Stein, zumal sämtliche Fixkosten weiter bestritten werden mussten.

Die Nöte der Schausteller sollten unbedingt in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt werden. Das war die Motivation für den deutschen Schausteller-Bund, seine Mitglieder zur Teilnahme an zwei Großdemonstrationen in Berlin aufzurufen. Familie Lanser war dabei. Mara hat allerdings das Gefühl, dass der Aktion zu wenig Gehör und Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Wenn die Schausteller nicht bald wieder Festplätze bespielen dürfen, werden das viele Kollegen finanziell nicht überleben, ist sie überzeugt.

Maras Familie durfte nach achtmonatiger Zwangspause, in der sie in der großen Halle in Neuwied den dort eingelagerten Fuhrpark hegte und pflegte, von Mitte August bis Mitte September vor der Herz-Jesu-Kirche den „1. Koblenzer Spezial- und Genussmarkt“ mit Kinderkarussell ausrichten. Leider schürte der drohende zweite Lockdown die Angst der Besucher vor einer Infektion, wonach die anfangs noch guten Umsätze schnell schrumpften.


                                     Lanser's Snack-Box auf der Löhrstraße

Mara selbst fand schon im Mai eine Lösung, um die finanziell desaströse Lage abzufedern. Auf der Koblenzer Löhrstraße, direkt gegenüber eines großen Fahrradhändlers, mietete sie ein kleines Ladenlokal an und eröffnete dort Lanser's Snack-Box, wo sie hungrigen Passanten Flamm- und Reibekuchen, Crêpes, Currywurst, Hot Dogs und Pommes Frites für den Außer-Haus-Verzehr anbietet. Mit dem Sommer-Geschäft ist Mara, den Touristen sei Dank, recht zufrieden. Jetzt im November, da die Restaurants wegen der gemeldeten hohen Infektionszahlen zum zweiten Mal gezwungen wurden, ihre Tore zu schließen, kommen bei Lanser's Snack-Box wieder mehr Einnahmen in die Kasse. Dennoch decken die Erträge nur die laufenden Kosten. Und das auch nur dann, wenn Mara selbst unter der Woche bis zu zehn Stunden täglich hinter dem Verkaufstresen steht. Es ist eine Arbeit, die sie wohl über die Krise hinwegrettet, der jedoch die Leidenschaft fehlt. Ohne die für Volksfeste typische fröhliche Stimmung empfindet die Schaustellerin einen Imbiss-Betrieb als ein fast seelenloses Verkaufsgeschäft. Wie gut, dass ihr Freund aus Hamburg sie gerade besucht und moralische Unterstützung bietet. Er ist ebenfalls Schausteller und kennt daher die Probleme der Branche, die in seiner Heimatstadt nicht wesentlich anders als in Koblenz sind. Die Situation werde sich, so glaubt das Paar, vor März/April 2021 nicht derart verbessern, dass Volksfeste wieder stattfinden dürfen. Mara hofft deshalb darauf, dass der eigentlich Ende dieses Jahres auslaufende Mietvertrag noch ein wenig verlängert wird.

Hätte die patente 23-Jährige nicht einen zukunftsfähigeren Beruf wählen können? Warum hat sie sich gerade für das Schausteller-Dasein entschieden? Es ist nicht nur das Familiengen, sondern auch ihr Lebenslauf, der sie auf die Spur brachte. Schon als Jugendliche hatte sie stundenweise bei den Imbiss-Ständen der Familie mitgeholfen. Auf dem Weg zum Abitur brannte sie dann bereits lichterloh für dieses bunte, fröhliche Leben auf den Festplätzen und schmiss schließlich die Schule. Seit ihrem 18. Lebensjahr arbeitet sie ganztägig im Familienbetrieb und betreut auf dem Koblenzer Weihnachtsmarkt zwei eigene Stände. Für sie gibt es kaum einen anderen Beruf, der so viel Selbständigkeit, Chancen auf Kreativität und Reisemöglichkeiten bietet und zugleich ein Gefühl von selbstbestimmter Freiheit vermittelt. Schausteller sei kein Beruf, sondern eine Lebenseinstellung, sagt Mara.

                                                          Mara verkauft Reibeplätzchen

Weil ihr Herz für das Schausteller-Gewerbe schlägt, ist es ihr innigster Wunsch, mit ihrer Berufswahl dazu beizutragen, es vor dem Aussterben zu bewahren. „Schon seit dem Altertum bringen Schausteller Licht ins Dunkel und verbreiten Lebensfreude“, schwärmt Mara. Volksfeste und das Treiben der Schausteller seien geradezu ein „Antidepressivum für die Gesellschaft“, sehr kostengünstig obendrein. An Festtagen können die Besucher eine kurze Weile lang den Alltag hinter sich lassen und unbeschwerte Stunden miteinander verbringen. Die Betreiber von Jahrmärkten und Kirmessen sehen sich dann nicht nur als Bierverkäufer und Würstchenbräter, sondern auch als Seelsorger, Handwerker, Buchhalter und vieles mehr. Vor diesem Hintergrund wird es nachfühlbar, dass der Deutsche Schaustellerbund schon seit Jahren dafür kämpft, die Volksfestkultur als immaterielles Kulturerbe anerkennen lassen.


Das Gespräch mit Mara Lanser führten am 09.11.2020 Sylvie Weber und Barbara Senger

Donnerstag, 5. November 2020

Das Elektrohandwerk in der Coronazeit

Auf der Referenzliste eines Koblenzer Elektroanlagen-Unternehmens stehen viele namhafte Firmen. Zielstrebigkeit, Kompetenz, stete Weiterbildung und ein hoher Qualitätsstandard haben den Familienbetrieb zu einem überregional namhaften Unternehmen heranwachsen lassen. Zur Zeit sind es 25 Mitarbeiter, die in ganz Deutschland in der eigenen Firmenflotte unterwegs sind, um Netzwerktechnik, Beleuchtungsanlagen, Kommunikationstechnik, Photovoltaikanlagen und vieles mehr zu installieren und in Betrieb zu nehmen.                      

                                                    Das Unternehmen installiert auch Photovoltaikanlagen
                                                                                                         (Symbolfoto Pixabay)                     

Der aufgrund der Corona-Pandemie im März dieses Jahres von der Regierung ausgerufene Lockdown bereitete zunächst sogar diesem Unternehmen, das als Problemlöser bekannt ist, schlaflose Nächte. Projekte wurden zurückgefahren und Aufträge in sechsstelliger Euro-Höhe storniert, obwohl das Elektro-Handwerk von der Bundesregierung als systemrelevant eingestuft wurde. Das Arbeiten war von daher unter Einhaltung der Hygieneauflagen durchgängig weiter möglich. Aber mit überwiegend Gewerbe- und Industriekunden ließ sich das einfach nicht realisieren. Auf den Baustellen seien zu viele Menschen aus den unterschiedlichsten Gewerken im Einsatz. Da werde es schnell eng, wie die Firmenleitung aufzeigt. Hygienevorschriften seien dort nicht umsetzbar. 

Auftragsstornierungen 

Gerade zu Beginn der Krise war die finanzielle Unsicherheit sehr hoch. Immer wieder wurden Aufträge abgesagt, denn die Firmenkunden fuhren oftmals ihr Budget für Renovierung und Reparatur komplett herunter. Andere Kunden fürchteten sich vor der Einschleppung des Virus, weshalb keine Fremdfirmen die Geschäftsräume betreten durften. Nur Notdienste waren zugelassen. Auf diese Weise gingen Großaufträge verloren, die ansonsten zwei Mitarbeiter ein ganzes Jahr lang eingebunden hätten.

Im März konnte sich der Betrieb noch gut über Wasser halten“, sagt der Geschäftsführer, „weil wir die Zeitfenster nutzten, um zurückgestellte Aufträge abzuarbeiten“. Im April bauten die Mitarbeiter wegen der auf Null-Niveau befindlichen Auftragslage Überstunden ab und nahmen Resturlaub. Im Mai musste das Unternehmen einen Teil seiner Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken, die übrigen hielten sich für eventuell kurzfristig eingehende Aufträge zur Verfügung.

Die Lage entspannte sich 

In den Monaten Juni/Juli erholte sich die Lage langsam und erste Aufträge konnten ausgeführt werden. Die Teilnahme an öffentlichen Ausschreibungen verhalf dem Betrieb zu einem zusätzlichen Auftrag. Nach dem Urlaubsmonat August konnte er wieder volle Auslastung melden. „Bei uns hat niemand wirklich Angst, sich anzustecken. Wir berücksichtigen so gut es geht die Hygieneauflagen und passen uns den veränderten Umständen an“. Zum Schutz der Mitarbeiter werde in den Fahrzeugen Mund-Nasen-Schutz getragen, denn ein Mindestabstand lässt sich dort natürlich nicht einhalten. Die Anti-Corona-Auflagen bereiten Mühe und kosten Zeit. Als Beispiel nennt der Geschäftsführer den Umbau einer Betriebsstätte. Vor Corona sei das in zwei Wochen erledigt gewesen. Jetzt werde die doppelte Zeit gebraucht, weil jeweils nur ein oder zwei Gewerke an der Baustelle eingeteilt sind, um die Handwerker nicht zu nah aufeinander rücken zu lassen.

Der Chef ist froh, beruflich auf ein gutes Pferd gesetzt zu haben, schließlich habe das Handwerk auch in Krisenzeiten wie dieser immer gut zu tun. Mitbewerber, die vorwiegend Privatkunden bedienen, hätten gar keine oder nur geringe finanzielle Einbußen zu beklagen gehabt. Viele Privatkunden nutzten die Lockdown-Zeit nämlich, um längst fällige Arbeiten am Eigentum durchführen zu lassen. Auch wenn es seinen Betrieb wegen der Kundenstruktur mehr gebeutelt hatte, schaut der Geschäftsführer auf die vergangenen Monate mit Gelassenheit. „Unsere Probleme waren relativ gering im Vergleich zu den Problemen in anderen Branchen. Gastronomie und Tourismus habe es beispielsweise viel härter getroffen. 

 

Das Positive am Lockdown 

Für den Chef persönlich habe der Lockdown sogar etwas Positives gebracht. Endlich einmal konnte er ohne schlechtes Gewissen seine Freizeit genießen, ganz viel Mountainbike fahren oder beliebig in den Tag hineinleben. Pläne wurden zu der Zeit privat wie geschäftlich nur von einem auf den anderen Tag gemacht. Die ansonsten schon am Anfang des Jahres feststehende Jahresplanung hatte sich komplett aufgelöst. Das war eine ganz neue Erfahrung für ihn.

Dennoch hatte er gehofft, dass es keinen neuen Lockdown geben werde. Denn die Folgen für die Wirtschaft seien dieses Mal sicher noch gravierender. Seiner Meinung nach gibt es nichts, was er bei diesem zweiten Lockdown anders machen kann als beim ersten Mal. Er hofft allerdings, dass die staatliche Unterstützung in dem neuen Krisenfall viel unbürokratischer über die Bühne geht.

 

Administrative Stolpersteine 

Schon in normalen Zeiten empfindet der Chef die administrativen Anforderungen rund um das Geschäftsleben als eine Zumutung. Steuerliches, Arbeitsschutzregelungen und Dokumentationspflichten seien heutzutage derart umfangreich, dass externe Beratungs-Unternehmen kostenintensiv hinzugezogen werden müssen. Sich mit all dem Papierkram stundenlang zu beschäftigen, sei schlichtweg vertane Zeit.

Ein gutes Stichwort: Seine Zeit ist nun wieder knapp, denn (noch) ist das Auftragsbuch voll. Das Elektroanlagen-Unternehmen ist bisher gut durch die von den Coronamaßnahmen geprägte Krise gekommen und will sich daher in den nächsten Monaten dem Projekt „Umzug“ widmen, weil die Räumlichkeiten am jetzigen Betriebsort einfach zu klein geworden sind. 


Das Interview mit dem Geschäftsführer des Unternehmens, das auf eigenen Wunsch namentlich nicht erwähnt werden möchte, führten am 08.10.2020 Sylvie Weber und Barbara Senger.

Samstag, 19. September 2020

Alles bleibt, alles kommt wieder - auch für die Künstler?

Kunst ist eine Art der Kommunikation – Kunst ist Leben“, heißt es in einem Flyer der Künstlerin Jutta Reiss. Der in Deutschland Ende März verfügte Lockdown sowie die folgenden Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie bereiteten dieser Kommunikation ein jähes Ende. Viele Monate lang waren Maler, Bildhauer und andere Kunstschaffende in ihren Ateliers alleingelassen mit ihrer künstlerischen Kreativität. Weil Museen und Galerien geschlossen bleiben mussten, konnten sie die Ergebnisse ihrer Arbeit nicht präsentieren. Die einzige Alternative war, die Werke im Internet zu veröffentlichen. Doch die ersehnte Interaktion mit dem Betrachter ist dabei nur recht eingeschränkt möglich.

Die in diesem Jahr wegen der Infektionsgefahr abgespeckte Museumsnacht Koblenz, die ihr 20-jähriges Jubiläum eigentlich groß feiern sollte, bot Künstlern unter Beachtung von Sicherheits- und Hygienevorschriften eine der ersten Gelegenheiten, ihr Werk einem größeren Publikum in einem künstlerisch wertvollen Rahmen zu zeigen. Die Malerin und Grafikerin Nataliy Schenkmann hatte für diesen Abend die Künstler-Kolleginnen Jutta Reiss und Rita Thompson zu einer Gemeinschaftsausstellung in die Räume des Hotels und Cafés „Kleiner Riesen“ eingeladen.

                                       (v. li.) Jutta Reiss, Rita Thompson, Nataliy Schenkmann


Gefühlt geht es nun langsam wieder los“, sagte Jutta Reiss, die eine Auswahl ihrer Loreley-Skulpturen präsentierte. Weder ihre schwere Erkrankung im Jahr 2016 noch die diesjährige Corona-Krise vermochten es, ihre Kreativität zu bremsen. Schon damals, als sie wegen einer Hirnblutung ins Krankenhaus kam, drehte sich ihr gesamtes Denken einzig um ihre Kunst. Die zurückbehaltene sprachliche und körperliche Behinderung stellt für ihr künstlerisches Wirken keine Einschränkung dar. Ganz im Gegenteil: Sie wurde kompromissloser und sogar noch ein wenig selbstbewusster. Für das, was sie nicht kommunizieren oder umsetzen kann, ist Ehemann Manfred zuständig. Er unterstützt sie, wo es nur geht, so dass sie ihrer Kunst auf dem eigenen, zwischen Dörnberg und Charlottenberg gelegenen Hof viel Raum geben kann. Ein ganzer Skulpturengarten mit mehr als 150 Objekten ist dort entstanden. Sie arbeitet eigentlich unentwegt, sagt sie. Von allem und jedem fühle sie sich inspiriert. Und nahezu jeder Werkstoff findet bei ihr Verwendung. Ihre Kunst vermittelt Emotionen, Lebendigkeit und Ausdruckskraft. Wie schade, dass es lange Zeit kein und jetzt kaum Publikum gibt, das Wertschätzung zeigt für das aus Energie Geschaffene. Die Menschen schienen aus Angst vor dem Virus sogar ihren Kunstgarten zu meiden, wo doch wahrlich ausreichend Platz sei, sagt Jutta. Gerade stellt sie sich die Frage, ob sich die auf die Psyche wirkenden Auswirkungen der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie je wieder zurückbilden werden.


In dieser kontaktarmen Zeit soll der jetzt im Aufbau befindliche Onlineshop ein zweites Standbein werden, um Kunst verkaufen zu können. Auf die Beantragung einer staatlichen Unterstützung für die Mietkosten des Ateliers hatte sie verzichtet, obwohl sie in der Corona-Krise als freie Künstlerin darauf Anspruch gehabt hätte. Der bürokratische Aufwand hätte in keinem Verhältnis zur Unterstützungshöhe gestanden, sagt Manfred Reiss. Seine Energie steckt das Paar dann lieber in Aktionen und Aktivitäten rund um die Kunst. Der heutige Abend bestätige sie darin, denn es seien doch recht viele Besucher gekommen, um bei freiem Eintritt in gastlichem Ambiente Kunst und Kultur zu konsumieren. Die Resonanz sei sehr positiv. Deshalb blickt Jutta voller Zuversicht auf die schon im nächsten Monat geplante Ausstellung in der Bopparder Galerie von Lucia Hinz.


                                            Jutta Reiss vor einigen ihrer Loreley-Figuren


Nataliy Schenkmann sieht die Situation für Kunst und Künstler*innen grundsätzlich genauso positiv. Aber bei der Museumsnacht heute gehe es doch ruhiger zu als in den Vorjahren. Weniger Publikum, weniger Applaus, weniger potentielle Kunst-Käufer. Nein, die geschäftliche Seite ihres künstlerischen Wirkens ist für sie nicht nebensächlich. Sie denke da sehr rational und nutze alle Möglichkeiten, die sich bieten. Diese Zielstrebigkeit, gepaart mit ihrer professionellen, selbständigen künstlerischen Tätigkeit, lehrte sie, sich gut zu verkaufen. Was hilft das aber in Zeiten geschlossener Museen und Galerien? Nur ein Ende der Corona-Auflagen wird Präsentation und Verkauf von Kunst Aufschwung geben. Eine derart schwierige Situation habe sie in den zwanzig Jahren ihrer Selbständigkeit nicht erlebt. Gerade könnte sie ihre Kunst nur „auf Halde produzieren“. Das Atelier fülle sich zusehends, obwohl sie noch Anfang des Jahres Kaufinteressenten vertrösten musste, weil sie „ausverkauft“ war.

In dieser Zeit der chaotischen Regelungen schöpft die renommierte, in Russland geborene Künstlerin, die sich stark, auch in ihren Gemälden dem Koblenzer Stadtteil Ehrenbreitstein verbunden fühlt, Kraft aus der Malerei. Sie sei ihr Leben, das Wichtigste überhaupt. Sie sei für sie Tage füllende Arbeit, Luft zum Leben und Nahrung zugleich. Die Fähigkeit des Malens sei ihr in die Wiege gelegt worden, sie auszubilden sei ein angeborener, geradezu egozentrischer Trieb. Während sie konzentriert male, versinke sie in ihrem eigenen, von Einsamkeit geprägten Kosmos. Ihre Inspiration erhalte sie jedoch aus der Beobachtung der Realität. Dennoch fand das Thema „Corona-Pandemie“ in keiner Weise Einzug in ihr von Architektur- und Porträtmalerei geprägtes künstlerisches Werk, das zur Museumsnacht gerade um die „drei Grazien der Kunst“, ein Porträtbild der ausstellenden Künstlerinnen, angewachsen ist.

                                                Nataliy Schenkmann mit ihrem Porträtbild "Drei Grazien"



Die Koblenzer Künstlerin Rita Thompson ist eine dieser drei Grazien. Sie präsentiert zur Museumsnacht ihre aus Ton gearbeiteten Skulpturen, mit denen sie die Menschlichkeit der nordischen Götterwelt zum Ausdruck bringt. Zugleich wollte sie mit den von ihr zur Nexus-Ausstellung kurz nach Ausbruch der Corona-Pandemie geschaffenen Gefühlsporträts der Götter die Verletzlichkeit der Menschen vor Augen führen. Rita deutet auf die liegende Figur. Sie zeige Zerstörung und scheine zugleich einen Neuanfang möglich zu machen.

Alles bleibt, alles kommt wieder“, klingt es ähnlich in einem Ausspruch von Jutta Reiss. Ein Zeichen, wie sehr die Künstlerinnen optimistisch in die Zukunft der Kunst und ihres Wirkens schauen. Wir wünschen ihnen einen guten Neustart und viel Erfolg!


Das Gespräch mit Jutta Reiss, Nataliy Schenkmann und Rita Thompson führten Sylvie Weber und Barbara Senger am 05.September anlässlich der 20. Museumsnacht Koblenz.

Mittwoch, 26. August 2020

Als Veranstaltungstechnik-Firma gehört die zeusaudio GmbH seit 2008 zu den Platzhirschen der hart umkämpften und bissigen Branche, die weit über die Grenzen der Stadt Koblenz hinaus, sogar europaweit, einen professionellen Eventservice mit Herz und Verstand anbietet. Sie ist Dienstleister für die großen Veranstaltungen der Region, baut dafür die Bühnen samt Musik-, Ton- und Beleuchtungstechnik. Geschäftsführer und Alleininhaber Christian Klotz, der ursprünglich eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker absolvierte, machte das als Drei-Mann-Betrieb in Koblenz-Lützel vor zwölf Jahren an den Start gegangene Unternehmen so groß, dass ihn heute dreizehn Mitarbeiter, darunter vier Auszubildende, bei der technischen Planung und Durchführung von Veranstaltungen unterstützen. Mit zehn Bühnen kann er nahezu alle Veranstalter-Wünsche erfüllen. 

                                            Foto: Nico Franz (Pixabay)
                         

Bevor die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie Stadt und Land einen Lockdown bescherten, lief das Geschäft wie am Schnürchen. Noch zu Beginn des Jahres durfte zeusaudio als Partner für eine große Tagung am Nürburgring die Technik stellen. Bald darauf, als Christian gerade mit seinem Wohnmobil Urlaub in Schweden machte, schwappte die Corona-Welle immer heftiger ins Land. Nach zwei Wochen entschied er sich, die Reise abzubrechen, um sich um die Firma und die Mitarbeiter zu kümmern. Die Rück- und Wiedereinreise klappte glücklicherweise völlig problemlos. Lediglich ein Truck, der zu dem Zeitpunkt mit einer seiner zehn Trailerbühnen unterwegs zu einer Messe nach Madrid war, wurde 200 Kilometer vor dem Ziel ausgebremst, da die Veranstaltung kurzerhand abgesagt worden war. Um den guten Kunden nicht zu verprellen, verzichtete Christian auf die Erstellung einer Stornorechnung. Für weitere abgesagte Veranstaltungen in Stadt und Land gab es für zeusaudio nur im Ausnahmefall Ausfallentschädigungen. In der Corona-Krise gilt ausgefallen und abgesagt eben nicht einzig für die Veranstaltungen, sondern zugleich für die bereits einkalkulierten Einnahmen. Als Beispiel zu nennen sind die Großveranstaltungen wie „Rhein in Flammen“, für die die Firma noch im Januar einen Dienstleistungsvertrag mit der Stadt Koblenz abschloss.

Die ersten Leidtragenden der damit einhergehenden finanziellen Belastung des an sich gesunden Unternehmens waren die (bis zu zwanzig) Freiberufler, die in Normalzeiten projektbezogen engagiert werden. Dann musste zeusaudio für die Mitarbeiter Kurzarbeit anmelden. Die Auszubildenden, für die keine Kurzarbeit angeordnet werden kann, absolvierten den praktischen Teil der Ausbildung im Betrieb und kümmerten sich um die Instandhaltung der Geräte oder brachten Ordnung in das Lager. Mittlerweile können die zukünftigen „Fachkräfte für Veranstaltungstechnik“ und „Veranstaltungskaufleute“ zumindest wieder Theorie büffeln in der Berufsschule in Mainz.

Die gut vierwöchige Geschäftsschließung, die mit dem Lockdown einherging, verlangte von Christian Flexibilität, sofern er nicht monatelang untätig bleiben wollte. Branchenfremde Dienstleistungen wie die Herstellung von Masken wollten sie, wie alle Mitarbeiter gemeinsam entschieden, jedenfalls nicht anbieten. Der Onlineshop für die gebrauchte Bühnentechnik blieb zunächst die einzige kleine Einnahmequelle. Wirklich Geld verdienen ließe sich damit allerdings nicht, weil zeusaudio mit dem Preisdumping der größeren Firmen am Markt nicht mithalten könne. Sein Unternehmen lege zur Kundenbindung mehr Wert auf eine gute Beratung. 

                                            Foto: Marko Heinrich (Pixabay) 

Es wurden also weitere Finanzmittel benötigt, um Miete, Löhne und Leasingraten weiterbezahlen zu können. Mit dem 15.000 Euro-Corona-Soforthilfe-Kredit der Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz sowie einem zinsgünstigen Corona-Kredit in Höhe von fast 500.000 Euro konnte dem Problem beigekommen werden. Zusätzlich will Christian jetzt das neue Konjunkturpaket in Anspruch nehmen, mit dem gesunden Unternehmen wie seinem bis zu 150.000 Euro zukommen sollen. Damit sähe er sich zumindest bis Ende des Jahres 2020 auf finanziell sicherem Boden.

Das in Folge der abgesagten Veranstaltungen von 120 auf null Prozent gesunkene Arbeitspensum betrachtet Christian nicht ausschließlich negativ. Er sieht es als „Zeit zum Luftholen“, als Zeit für kreatives Denken, als eine Chance. Dennoch will und kann er das Geschäft nicht komplett stillegen. „Livestreaming“, der Zug, auf den viele Künstler in der veranstaltungsfreien Zeit aufspringen, diente dann auch ihm als eine Art von Beschäftigungstherapie. Leider ließen sich mit diesem Format kaum Einnahmen erzielen, weil die Bereitwilligkeit der Zuschauer, für das Angebot etwas zu bezahlen, (noch) nicht gegeben ist. Zeusaudio begleitete verschiedenste Projekte. Im Musik- und Kleinkunstclub „Café Hahn“ produzierte die Firma zum Beispiel recht erfolgreich das mehrteilige Talkshow-Format „Ko'n'Taktlos“ mit Dörthe Dutt als Moderatorin, das anfangs von jeweils rund 250 Zuschauern live online verfolgt und letztlich weit mehr als eintausend Mal aufgerufen wurde. Mit zunehmend besserem Wetter gingen die Zuschauerzahlen allerdings drastisch zurück und die Serie wurde eingestellt. Des Weiteren bot zeusaudio die technische Ausrüstung des Live-Audits der „pop rlp masterclass“, die zur Unterstützung junger Nachwuchskünstler/innen im Bereich der Popularmusik ins Leben gerufen wurde.

Mittlerweile, da auch Industriekunden das Livestreaming für sich entdecken, werfe der Markt, nicht zuletzt aufgrund verschiedener Fördertöpfe, sogar ein wenig Geld ab. Auf diese Weise laufe das Geschäft langsam neu an. Gerade erst wurde zeusaudio als Technikpartner gebucht für das digitale Hoffest eines Weingutes und für eine Gin-Tasting-Aktion im Café Hahn.

Dass immer wieder der Name „Café Hahn“ auftaucht, ist kein Zufall. Hier sind Christian und sein Bruder Marc quasi zu Hause. Der Bruder betrieb früher einmal einen Musikalienhandel und arbeitete im Café Hahn. Über ihn rutschte Christian, der eine Zeitlang sogar Mieter einer über dem Club liegenden Wohnung war, vor 25 Jahren in das Veranstaltungsthema. Damit entstand nach und nach die enge Partnerschaft zwischen dem Kleinkunstclub und zeusaudio. Nun steht Café Hahn, das in Vor-Corona-Zeiten nahezu täglich mit einem Kulturprogramm aufwartete, mehr oder weniger leer. Das brachte Christian auf die Idee, zumindest bis Ende September in den zurzeit für nur 35 Personen zugelassenen Räumlichkeiten eine Plattform anzubieten für Webinare, Workshops, Konferenzen und Meetings, genauso wie für Talk-Formate, Tastings und vieles mehr – natürlich unter Einhaltung aller coronabedingten Hygienevorschriften. Zusätzlich stellt zeusaudio die Bühnentechnik für die jetzt in abgespeckter Form stattfindenden Veranstaltungen auf der Festung Ehrenbreitstein, wo sich Café Hahn seit 2012 um die gesamte Gastronomie und das Eventmanagement öffentlicher und geschlossener Veranstaltungen kümmern darf.

Obwohl zeusaudio trotz der Corona-Krise gar nicht so sehr schlecht dasteht, beteiligte sich Christian Ende Juni an der europaweiten Aktion „Night-Of-Lights“, mit der nach rund vier Monaten Berufsverbot auf die katastrophale Lage der durch die Corona-Krise bedrohten Veranstaltungswirtschaft aufmerksam gemacht werden sollte. In Koblenz erstrahlten in rotem Licht historische Gebäude wie das Schloss, Fort Konstantin und das deutsche Eck. Christian hätte gerne die vom Land Rheinland-Pfalz verwaltete Festung Ehrenbreitstein beleuchtet. Er bedauert, dass es dafür weder rotes noch grünes Licht gab, weil die Generaldirektion Kulturelles Erbe die Befestigungsanlage nicht für die Interessen einzelner Berufsgruppen benutzt sehen wollte. Unterm Strich habe die Aktion ihr Ziel nicht erreicht, sondern sei letztendlich als ein weiteres kostenfrei gebotenes Event wahrgenommen worden. Mehr Sinn hätte es vermutlich gemacht, einmal großflächig, beispielsweise bei einer öffentlichen Veranstaltung der Landes- oder Bundesregierung, Licht und Technik abzuschalten.

Obwohl kleinere Veranstaltungen inzwischen wieder erlaubt sind, wird die Veranstaltungswirtschaft weiterhin darben müssen. Denn die Konzepte seien auf Großveranstaltungen schwierig bzw. gar nicht übertragbar. Die ersatzweise organisierten Autokino-Konzerte seien ebenso wenig ein Heilsbringer. Der Aufwand sei riesig, die Einnahmen aufgrund viel zu niedriger Zuschauerzahlen zu gering. Nur mit der „alten Normalität“ seien Konzerte, Stadtfeste und Messen rentabel umsetzbar. Allenfalls könne er sich eine Art „Hybridlösung“ vorstellen, sagt Christian, bei der ein kleines Livekonzert mit wenigen Besuchern durch ein Onlinekonzert für die Masse der Zuschauer ergänzt werde.

Einstweilen sitzt er die veranstaltungsfreie Zeit einfach aus, versucht, mit den Gegebenheiten umzugehen. Allerdings wünscht er sich vonseiten der Regierung zur Optimierung der Situation und für bessere Planungsmöglichkeiten nicht allein für seine Branche klare Vorgaben, deren Sinnhaftigkeit deutlich werde.

Wie es für zeusaudio, das Unternehmen, dessen Aufbau er als seinen größten Erfolg betrachtet, jetzt weitergeht, könne er nur mit einem Blick in die Glaskugel sagen, die gerade allerdings unter den Schrank gerollt sei, meint Christian. Spätestens im Januar 2021 sollte ein Normalbetrieb wieder möglich sein. Anderenfalls müsse er gewiss Personal reduzieren, wenn nicht gar den Betrieb schließen, obwohl er in den letzten zehn Jahren wirklich viele Aufträge ausführen durfte und damit gutes Geld verdiente. 

Die persönliche Alternative des 44-Jährigen zu zeusaudio wäre vielleicht ein Anstellungsvertrag bei Koblenz-Kongress, am Theater oder im Öffentlichen Dienst.

Wer weiß, was die Glaskugel seinem weiteren Werdegang prophezeit?

Das Gespräch mit Christian Klotz führten Sylvie Weber und Barbara Senger.

Mittwoch, 19. August 2020

Sexarbeiter*innen fordern: "Gebt uns unsere sicheren Arbeitsplätze wieder zurück!"

Seit März 2020 halten die Maßnahmen zur Bekämpfung der Covid-19-Pandemie Deutschland in Atem. Der Lockdown bescherte der Bevölkerung ein umfassendes Kontaktverbot und ein Ausübungsverbot für eine große Anzahl von Berufen. Besonders hart traf das Solo-Selbständige, Freiberufler und Kleinstunternehmen. Für sie erdachte die Bundesregierung Soforthilfekredite und Überbrückungshilfen.

Staatliche Unterstützung klingt gut, kommt aber längst nicht bei jedem an, sagt Nicole Schulze, die seit 2019 dem in Berlin ansässigen Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V. als Vorstandsmitglied angehört. Sie weiß, wovon sie redet. Schon seit ihrem 18. Lebensjahr ist sie hauptberuflich als Sexarbeiterin tätig, seit vielen Jahren im eigenen Wohnwagen. Für sie ist das der zunächst aus Geldnot geborene, dann aber freiwillig gewählte Weg des Geldverdienens. Sie nennt den Beruf „facettenreich“. Er biete ihr in der Selbständigkeit die Chance, mit wenig Arbeitszeit mehr als durchschnittlich zu verdienen. Doch sie kennt auch die Probleme, die auf dem Gewerbe der Prostitution lasten.


Jetzt hat die Corona-Krise zusätzliche geschaffen. Seit Mitte März müssen laut Regierungsbeschluss deutschlandweit alle Bordelle und andere Prostitutionsstätten geschlossen bleiben. Wer wegen des Verdienstausfalls staatliche Unterstützung in Anspruch nehmen muss, hat Mindestvoraussetzungen zu erfüllen. Für den Großteil der geschätzt achtzig Prozent Migrant*innen unter den Sexworker*innen in Deutschland, ist das nicht möglich. Über ihnen spannte sich keinerlei finanzieller Schutzschirm auf. Sie blieben und bleiben sprichwörtlich im Regen stehen, haben nicht einmal Anspruch auf Grund-sicherung. Einige gingen zurück in ihre Heimatländer, andere sind „hier gestrandet“, wie Nicole sagt. „Etwa vierhundert Sexarbeiter*innen konnten wir mit eingetriebenen Spendengeldern unterstützen“.

Nach einem halben Jahr beruflicher Zwangspause unter Berufung auf das Infektionsschutzgesetz dürfen sie und ihre in Deutschland ansässigen Kolleginnen in fast allen Bundesländern immer noch nicht arbeiten. Mit Erotikangeboten über das Internet gelang es einigen von ihnen, etwas hinzu-zuverdienen. Dennoch ist es zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben. Die finanzielle Situation bereitet den Anbieter*innen von bezahltem Sex große Existenzängste, ihren Kund*innen sexuelle Frustration. Immerhin wird in Deutschland mit einer Zahl von 1,2 Millionen Malen pro Tag für die Inanspruchnahme von sexuellen Dienstleistungen gerechnet. Weil sich auf der einen Seite sexuelle Bedürfnisse nicht einfach durch Verbote abschalten lassen und auf der anderen Seite der Lebensunterhalt gesichert werden muss, wird Prostitution trotz des Verbotes stattgefunden haben und stattfinden. Nur eben in der Illegalität und unter Inkaufnahme hoher Bußgeldzahlungen.


Nicole Schulze, die sich im Verband besonders für die Rechte von bereits marginalisierten Sexarbeiter*innen einsetzt und durch Aufklärungsarbeit das Ansehen der Branche in der Gesellschaft verbessern will, ist guter Dinge, dass Rheinland-Pfalz den ersten positiven Zeichen aus Bayern und Berlin bald folgen wird und die Bordelle zur Öffnung freigibt. Mit einem derartig langen Berufsverbot habe keiner von ihnen gerechnet. „Die Schweiz und Österreich haben schon längst auf! Bis dato sind keine Meldungen zu Covid-19-Infektionen von dort bekannt geworden.“ Sie ist überzeugt davon, dass sich die Kund*innen der Sexarbeiter*innen an Hygieneauflagen halten werden, weil sie schlichtweg dankbar sind, überhaupt sexuelle Leistungen in Anspruch nehmen zu dürfen. Sie fordert, den schätzungsweise drei- bis viertausend Sexarbeiter*innen in Rheinland-Pfalz Vertrauen zu schenken. Was schließlich unterscheidet sie so wesentlich von Erbringern anderer körpernaher Dienstleistungen, wie Friseuren oder Masseuren sowie Nagel- Tattoo- und Kosmetikstudios, die mittlerweile von Lockerungen profitieren durften?

Vielleicht ist der Wunsch nach Vertrauen zu viel verlangt von Parteien, Regierungen und einer Öffentlichkeit, die dem Gewerbe bis heute kaum gesellschaftliche Anerkennung einräumen, sondern die Prostituierten eher an den Rand der Gesellschaft drängen. „Nur, weil wir Geld für Sex verlangen, werden wir dafür verurteilt!“ Auch dagegen kämpft Nicole Schulze an, die öffentlich zu ihrer Arbeit steht und es stellvertretend für die vielen Kolleg*innen tut, die noch Angst haben, ihr Gesicht zu zeigen. In Endlosschleife müssen sich der Verband und sie positionieren gegen Diskriminierung und Stigmatisierung. Nicole: „Wir sind stinknormale Menschen, die Respekt und Anerkennung verdient haben!“

Gleichermaßen engagiert sie sich für die vielen Kolleg*innen, die drogenabhängig sind. Gerade sie sind extremst darauf angewiesen, arbeiten zu können, um Geld zu verdienen. „Der Sucht sind Strafen und Verbote egal, sie können den Suchtkranken nicht heilen“, sagt Nicole. Die Sucht suche sich immer Möglichkeiten zur Befriedigung. Gefunden werden sie in der Illegalität. Denn ein Leben ohne Prostitution existiert nicht.

Mit der Verdrängung in die Unsichtbarkeit haben die Corona-Maßnahmen maßgeblich ihren Anteil daran, dass Prostitution jetzt wieder verstärkt eine Gefahr für Leben und Gesundheit der um ihr Überleben kämpfenden Sexarbeiter*innen darstellt. Dabei ist Hygiene den im Gewerbe tätigen Damen und Herren schon vor der Ausrufung der Pandemie ein stets wichtiges Anliegen gewesen. Neben Covid-19 werden sie von verschiedenen anderen Krankheiten und Viren bedroht. Deshalb wissen sie sehr genau, welche Maßnahmen zum Schutz vor Ansteckung zu ergreifen sind. Sie bezeichnen sich selbst als „Hygieneprofis“, denn ihr Körper und ihre Gesundheit sind ihr Kapital, das es zu schützen gilt.

Stellvertretend für ihre Kolleg*innen wendet sich Nicole Schulze an die Landes- und Bundesregierung: „Wir halten uns an Rechte und Pflichten. Schenkt uns endlich Vertrauen und gebt uns unsere sicheren Arbeitsplätze wieder zurück! Wir wollen nicht illegal arbeiten, sondern legal und mit geschützten Rahmenbedingungen!“ Nicht nur das fehlende Geld lasse sie diese Forderungen jetzt so deutlich aussprechen, sondern auch der Wunsch, Kund*innen „endlich wieder real zu treffen, ihre Gesten und Mimik zu erleben, sie zu fühlen, zu riechen und zu schmecken“, wie Nicole es ausdrückt. „Die meisten von uns stecken ihre ganze Leidenschaft, Kreativität und Umsicht“ in die Arbeit.

Wenn die Corona-Auflagen die Prostitution wieder erlauben, wollen sich die Sexarbeiter*innen verstärkt um die Aufpolierung des in der Öffentlichkeit vorherrschenden Bildes ihrer Arbeit kümmern. Durch vielerlei Aktionen werden sie zeigen, dass sie genau wie alle anderen Menschen glücklich sein und geliebt werden wollen, dass sie Respekt und Anerkennung brauchen. Ihr Job dürfe nicht länger einer Vorverurteilung unterliegen, die die Motivation für die Berufswahl nicht berücksichtigt. „Sprecht mit uns“, sagt Nicole. „Hört Euch unsere Geschichte an. Es geht um mehr als puren Sex!“ Für viele Sexarbeiter*innen sei der Job eine Leidenschaft. Sie wünschen sich von ganzem Herzen, als vollwertiger Teil der Gesellschaft anerkannt zu werden.


Der Text wurde von Barbara Senger auf der Grundlage eines schriftlichen Interviews mit Nicole Schulze erstellt.


Samstag, 15. August 2020

In der Krankenpflege mit gesundem Menschenverstand gut durch die Corona-Krise kommen

Die Frage „was ist, wenn ich mich anstecke?“ hat sich die ausgebildete Gesundheits- und Krankenpflegerin Sabine W. (Name geändert) eigentlich nie ernsthaft gestellt. Nicht seit Ausbruch der Corona-Epidemie und nicht einmal dann, wenn sie im Rahmen der ambulanten Pflege Klienten besuchte, die mit dem Krankenhauskeim MRSA infiziert waren. Ausgestattet mit Schutzkleidung, Mund-Nasen-Schutz („MNS“) und Desinfektionsmitteln sah sie sich sogar in der Begegnung mit diesem gefährlichen Keim immer ausreichend geschützt.

Foto: Ani Kolleshi/Unsplash
                                                                 Foto: Ani Kolleshi/Unsplash

Nach 18-jähriger Erfahrung im Bereich Krankenpflege kann sie so schnell nichts erschüttern. Seit einigen Jahren ist sie in der ambulanten Pflege im Angestelltenverhältnis beschäftigt. Täglich besucht sie rund zwanzig Klienten in deren Zuhause, um ihnen dort in der vertrauten Umgebung mit der auf ihren persönlichen Bedarf zugeschnittenen Pflege durch den Alltag zu helfen.

Die von Sabine betreuten Menschen sind überwiegend fit, benötigen nur wegen geringfügiger Einschränkungen häusliche Pflegehilfe, beispielsweise bei der Körperpflege oder bei der Gabe der Insulinspritze. Das ist auch in Corona-Zeiten nicht anders. Allerdings verschärften sich mit Ausbruch der Covid-19-Pandemie die schon an sich strengen Hygiene-Vorschriften, weil gerade ältere und kranke Menschen zu den Risikogruppen der Coronavirus-Erkrankung zählen. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt den Pflegekräften ein generelles Tragen von „MNS“ und Handschuhen sowie für die Pflege von Menschen mit übertragbaren Krankheiten eine Schutzausrüstung. Die Einhaltung eines Abstandes von optimal 2 Metern ist in der Pflege natürlich nicht realisierbar. Sabine hatte anfangs spaßeshalber einmal einem Klienten mit einem Maßband demonstriert, wie weit sie bei Einhaltung der Coronaregeln von ihm entfernt sein müsse. Das amüsierte beide Seiten sehr. Aber natürlich weiß sie um ihre Verantwortung den Klienten gegenüber und hat Desinfektionsmittel und MNS als ständige Begleiter dabei. Nur bei neuen Klienten nimmt sie die Maske kurz einmal ab, um ihr Gesicht zu zeigen, denn ein sichtbares Lächeln ist ein Gewinn für den Pflegebedürftigen und spendet Vertrauen. Das Tragen der Maske kann für schwerhörige Menschen ein Problem darstellen. Denn oftmals sind sie zum besseren Verständnis des Gesagten angewiesen auf zusätzliche Informationen über das Lippenlesen und die Mimik des Sprechers. Daher erlaubt es die Coronaverordnung, während der Kommunikation mit einem gehörlosen oder schwerhörigen Menschen, die Maske vorübergehend abzulegen. Sabine behält sie allerdings meistens auf, spricht dann einfach entsprechend lauter und artikulierter.

Wie reagierten eigentlich ihre Klienten auf den Ausbruch der Pandemie? „Ziemlich gelassen“, sagt sie. Nur einige wenige hätten Angst vor einer Infektion gezeigt. Die Angehörigen seien meist wesentlich ängstlicher gewesen. Einen Sonderfall stellen Pflegebedürftige mit einer Demenz dar. Für sie sei das Geschehen rund um die Viruserkrankung überhaupt kein Thema gewesen, denn sie hätten oft gar nicht verstanden, warum gerade etwas anderes passiert als an den Tagen zuvor.

Sabine hat das Gefühl, durch die größere Isolation der Pflegebedürftigen in der Corona-Zeit, eine engere Beziehung zu ihnen aufgebaut zu haben. Auf ihren Besuch wurde stets mit großer Freude reagiert, er war das Highlight des Tages. Einige wenige Male musste sie ihre Klienten auch trösten. Mitzuerleben, dass Enkel oder Urenkel ihre Großeltern nicht besuchen durften und Glücksmomente wie die Geburt eines neuen Familienmitgliedes nicht im direkten Kontakt gefeiert werden konnten, hatte ihr genau so wehgetan wie den Omas und Opas selbst.

Die Auflagen zur Eindämmung der Pandemie brachten nicht nur verlorene Zeit im Miteinander der Familie, sondern zusätzlich oftmals einen Mobilitätsverlust für die Pflegebedürftigen. Da sämtliche therapeutischen Maßnahmen wie Bewegungsübungen und Massagen untersagt waren, konnte das durchaus eine Reduzierung der Lebensqualität bedeuten. Erfreulicherweise habe es unter dem Strich durch diesen Ausfall aber keine gravierenden gesundheitlichen Probleme gegeben, die eine Erhöhung des Pflegegrades mit sich gebracht hätten. Dennoch hofft Sabine, dass sich ein derartiges Pflegemanko nicht wiederholt. Sie ist davon überzeugt, dass man in der Krankenpflege des Virus wegen keine Abstriche zur Befriedigung der Bedürfnisse der zu Betreuenden machen dürfe. Der Umgang mit den Pflegebedürftigen verlange insbesondere in dieser Krise eine gesunde Portion Vernunft, Fingerspitzengefühl sowie Verantwortungsbewusstsein. Man müsse lernen, mit dem Virus zu leben. Sie sei mit dieser Strategie bisher sehr gut gefahren, obwohl sie selbst zu einer Risikogruppe gehöre.

                                                            Foto: Engin Akyurt/Unsplash

Einige ihrer Kollegen gingen weniger panikfrei mit der Pandemie um und blieben zu Beginn mehrere Wochen lang der Arbeit fern. Sie hatten schlichtweg Angst, sich oder gar ihre Klienten anzustecken. Das Risiko einer Infektion war nicht abschätzbar, zumal weder die Pflegekräfte noch die Pflegebedürftigen auf das Virus getestet wurden. Sabine hält die Entscheidung für richtig, weil es bei allen ihr bekannten Kollegen und Klienten keinerlei Krankheitssymptome gab. Grundloses Testen mache ihrer Meinung nach keinen Sinn.

Die in Vertretung der fehlenden Kollegen geleistete Mehrarbeit bekam sie als Überstunden gutgeschrieben. Trotz dieser Regelung freut sie sich, ein wenig erstaunt über die Wahrwerdung, über die Gutschrift des vom Landesministerium versprochenen Pflegebonus. Die Regierung wollte mit dem Geld (einmalig bis zu 1.000 Euro) „ein Zeichen der besonderen gesellschaftlichen Wertschätzung der Menschen setzen, die in Rheinland-Pfalz in den Einrichtungen der Altenhilfe während der Corona-Krise Großes leisten“, wie es hieß. Ja, der Beifall der Menschen hatte sie in der ärgsten Zeit der Krise schon angespornt, aber diese finanzielle Anerkennung sei natürlich die wirkungsvollere.

Noch mehr würde es Sabine freuen, wenn die Politik die Krise zum Anlass nähme, die grundlegenden Probleme in der Pflege, insbesondere die personelle Unterbesetzung, ganz konkret anzugehen. Es gelte zu bedenken, dass immerhin zwei von drei der rund 2,5 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland zu Hause gepflegt werden und die Angehörigen damit zusehends überfordert sind. „Neue, gut ausgebildete Pflegekräfte braucht das Land“. Mit ihnen stehe und falle die Qualität unseres im Verhältnis zu vielen anderen Ländern herausragenden Gesundheitssystems, meint Sabine.

Obwohl sich mit der Lohnangleichung Ost/West, der in diesem Jahr erfolgten Anhebung des Mindestlohns und der Neuberechnung des Urlaubsaufschlags schon vieles zum Besseren gewendet habe, gibt es noch einen Punkt, den die mit beiden Beinen im Leben stehende Pflegerin optimiert sehen möchte. Es fehlt an Freizeit. Bei einer 5,5-Tage-Woche muss sie derzeit elf Tage in Folge arbeiten, um dann zwei Tage freizubekommen. Offenbar hat die Bundesregierung ihren und den Wunsch aller Pflegekräfte gehört. Denn „zusätzlich zum gesetzlichen Urlaubsanspruch wird es für alle Beschäftigte in der Pflege, sofern sie in einer Fünf-Tage-Woche arbeiten, in diesem Jahr fünf weitere Urlaubstage geben“.

Solche Entschlüsse, sagt Sabine, tragen entscheidend dazu bei, den Pflegeberuf attraktiver zu machen und somit mehr Menschen für ihn zu gewinnen. Die Sorge vieler, sie könnten den Anforderungen körperlich nicht gerecht werden, sei unbegründet. Es gebe mittlerweile unterstützende technische Hilfsmittel für nahezu jede Dienstleistung in der Pflege. Sie selbst ist von eher zarter Statur und wisse trotzdem jede Herausforderung zu bewältigen, ohne dabei ihren Rücken zu sehr zu belasten. 

Sabine wirbt für eine Tätigkeit in der Krankenpflege, einer abwechslungsreichen Arbeit. In kaum einem anderen Beruf gebe es so viel Anerkennung und Dankbarkeit. Wer mit Herz und Verstand die Arbeit in der Pflege angehe, finde hier eine berufliche Erfüllung.



Das Gespräch mit Sabine W. führten Barbara Senger und Sylvie Weber.


Mein Leben im Wandel

Bevor das Virus namens Corona die Regierenden dieser Welt kaperte, hatte ich, die Autorin dieses Blogs, zwei Standbeine zur finanziellen Abs...