Freitag, 26. Juni 2020

Singen mit Abstand – rheinland-pfälzische Chöre stehen vor besonderen Herausforderungen

Als ob die rund 3.500 Amateur-Chöre in Rheinland-Pfalz durch Mitgliederschwund nicht schon genug gebeutelt wären. Jetzt kommt Covid-19 daher und setzt der Krise noch eins obenauf. Schon seit dem 18. März dieses Jahres müssen Sänger/innen aufgrund der Anti-Corona-Maßnahmen auf Chorproben verzichten.

Dietmar Weidenfeller, Kreisvorsitzender im Kreis-Chorverband Koblenz e.V. weiß im wahrsten Sinne des Wortes ein Lied davon zu singen, da er

selbst aktiver Sänger in zwei Koblenzer Chören ist. Er glaubt, dass diese Situation für manche Chöre eine Belastungsprobe darstellen und auch im Verlust von Mitgliedern zum Ausdruck kommen könne. Die als Alternative eingerichteten digitalen Chorproben sind zurzeit die Möglichkeit zum ansatzweisen gemeinsamen Singen, sind aber kaum vergleichbar mit dem, was zuvor in den Proberäumen in engem Miteinander passierte. Per Internet gemeinsam zu singen, gehe technisch nicht, erklärt Weidenfeller. Die Zeitverzögerung lässt ein synchrones Singen nicht zu und vielfach kommt es zu Verzerrungen. Deshalb sind die Online-Probestunden eher vom Chorleiter angeführte Videokonferenzen mit dem Ziel, den Zusammenhalt innerhalb der Gruppe zu stärken. Darüber hinaus können hierbei das Chor-Repertoire bearbeitet und neue Lieder zur Einstudierung eingebracht werden. „Bei unserem letzten Video-Treff schmiedete eine 15 Sänger starke Gruppe unseres Chores bei einem Glas Wein strukturelle Pläne“, erzählt Weidenfeller, der Singen als Stress lösenden „Saunagang für die Seele“ bezeichnet.

Eine an die Landesregierung gerichtete Petition des Chorverbandes Rheinland-Pfalz gegen das Probenverbot führte zu dessen Aufhebung ab dem 10. Juni. Aufgrund der hohen, mit dem Probenbetrieb verbundenen Auflagen, hält sich die Freude darüber in Grenzen. Das Kulturministerium in Mainz lässt Vorsicht walten, schließlich gab es andernorts nach Chorproben verschiedene Fälle von Coronavirus-Infektions-Ausbrüchen. Eine Studie des Institutes für Musikermedizin der Musikhochschule Freiburg hatte bestätigt, wie hoch die Infektionsgefahr beim Singen ist. Das Virus kann sich demnach unter anderem mithilfe kleinster Aerosol-Partikel verbreiten, die beim Singen vermehrt ausgestoßen und eingeatmet werden. Daher sind strenge

Hygienemaßnahmen für Chorproben angeordnet. Sie sehen nicht nur eine Singzeit von maximal dreißig Minuten, sondern zusätzlich einen Abstand von drei bis vier Metern von Sänger zu Sänger vor. Das sei wegen der benötigten Raumgröße für kaum einen Chor umsetzbar, sagt Weidenfeller. Bei vorgeschriebenen zehn Quadratmetern pro Sänger müsste der Probenraum beispielsweise für den „MGV Frohsinn 1865 Pfaffendorf“, in dem er den Bass singt, 340 Quadratmeter groß sein. Und im Freien, wo gemäß Corona-Verordnung hauptsächlich geprobt werden soll, gibt es des Abstandes und der umgebenden Geräuschkulisse wegen ein akustisches Problem. Denkbar seien Registerproben oder ein Aufteilen des Chores in kleinere Ensemblegrößen, bei der die Zusammensetzung der Einzelstimmen allerdings problematisch sein könne.

                                                       Dietmar Weidenfeller bei einem Jubiläumskonzert.

So bleiben trotz geringem Infektionsgeschehen in Rheinland-Pfalz derzeit viele Lieder ungesungen und die Stimmen geraten mehr und mehr aus der Übung. Nebenbei sorgt sich Weidenfeller um die Mitglieder, für die die wöchentliche Chorprobe ein wesentlicher Bestandteil ihrer Wochenplanung war. Ohne die Stunden des Miteinanders breche Struktur weg und Sozialkontakte gehen verloren. Das gemeinsame Bierchen nach der Probe sei genauso wichtig für die Seele wie das Singen an sich. Ein Zuprosten über den Laptop sei manchmal ganz amüsant, sollte aber kein Dauerzustand sein. Doch im Moment sind die Aussichten für Sangesfreunde gar nicht rosig. Bislang fand bei „seinen“ beiden Chören noch kein einziges physisches Treffen der Mitglieder statt. Ganz zu schweigen von Konzerten. Alle Auftritts-Termine der Chöre im Kreis-Chorverband Koblenz wurden für die nächsten Monate abgesagt. Weidenfeller hat die Hoffnung, dass die Sänger wenigstens zur Adventszeit wieder im Chor singen dürfen und der „Klingende Weihnachtskalender“ auf dem Koblenzer Weihnachtsmarkt (in abgespeckter Form) stattfinden kann. Ein echtes Highlight für die deutsche Chorszene soll im November wahr werden: für die Austragung der 1. Deutschen Chormeisterschaft 2020 in Koblenz wird zurzeit ein Hygiene- und Abstandskonzept erarbeitet .

Um die singfreie Zeit möglichst unbeschadet als Chor zu überstehen, sei es unerlässlich, weitere Möglichkeiten zu finden, den sozialen Kontakt zu halten und sich neue Ziele zu setzen. So könnte Weidenfeller sich vorstellen, mit seinem Chor ein virtuelles Chorprojekt auf die Beine zu stellen. Andere haben schon bewiesen, wie spannend ein Zusammenschnitt aus einzeln eingesungenen Stimmen als Chorlied ausfallen und wie viel Energie eine solche Aktion freisetzen kann. Wenn das gelänge, würde es sicherlich die Freude am Singen in der Gemeinschaft befeuern.

Mit jedem abgesagten Chorauftritt, mit jedem ausgefallenen Vereinsfest schrumpft die Vereinskasse, in die während der Corona-Krise lediglich die Mitgliedsbeiträge fließen. Weidenfeller hebt hervor, dass die Chöre trotz dieser Lage die Honorare für die Chorleiter weiterzahlen und damit ein deutliches Zeichen der Solidarität setzen. Längerfristig werde das aber problematisch werden, mahnt er: „Die Chorleiter durchleben derzeit eine existenzielle Bedrohung.“

In der Situation freut sich die Chorlandschaft natürlich über jeden Euro, der eingespart werden kann oder als außergewöhnliche Zuwendung eingeht. An dieser Stelle möchte Weidenfeller der Koblenzer Stadtverwaltung danken, die sich für ihre Chöre unterstützend und entgegenkommend zeige. Sie biete beispielsweise für Proben im Freien städtische Flächen an und agiere bei der Gestattung dieser Proben grundsätzlich unbürokratisch..

Langfristig ist Dietmar Weidenfeller optimistisch. Die Situation für die Chöre werde sich normalisieren, wonach ein „Singen aus voller Kehle für die Seele“ wieder regelmäßig möglich ist. Die Zeit sollte es zudem schaffen, insbesondere den zur Risikogruppe gehörenden älteren Sängern (in vielen Chören die Überzahl), die Angst vor dem Virus zu nehmen, damit sie sich wieder voller Freude und unbeschwert in die Chorgemeinschaft einbringen.


Zum ersten Mal nach dem Lockdown findet nun eine Vorstandssitzung im kleinen Kreis des Kreis-Chorverbandes statt. Dabei wird es unter anderem um die Suche nach funktionierenden Hygienekonzepten, nach Wegen aus der Krise und kreativen Alternativen gehen. Und natürlich wird auch das Thema von unbürokratischen Landeszuschüssen für Chöre und Chorleiter eine Rolle spielen. Konkrete Forderungen seien aber noch nicht definiert worden, sie würden letztlich über den Chorvberband Rheinland-Pfalz zielgerichtet eingebracht.


Das Gespräch mit Dietmar Weidenfeller führten Sylvie Weber und Barbara Senger am 12. Juni 2020.

Montag, 22. Juni 2020

Sportbund und Sportvereine turnen durch immer neue Landesverfügungen

90.000 Sportvereine in Deutschland haben aufgrund der Verordnungen zur Reduzierung von Coronavirus-Infektionen jetzt seit rund drei Monaten auf Vereinssport, Trainings- und Wettkampfbetrieb verzichten müssen.

Monika Sauer, Präsidentin des Sportbundes Rheinland und Vereinsvorsitzende der Coblenzer Turngesellschaft 1880 e.V. („CTG“) zeigt auf, welche Probleme sich im Alltag der Vereine ergeben, und wie sie für die Sporttreibenden durch wöchentlich neue Landesverfügungen turnen muss.


Die CTG ist mit 2.100 Mitgliedern der größte Sportverein der Stadt Koblenz. Sie ist einer der 3.100 Vereine (mit insgesamt 623.000 Mitgliedern), die dem in Koblenz ansässigen Sportbund Rheinland e.V. angeschlossen sind. Der Sportbund bietet seinen Mitgliedern ein breites Qualifizierungs-, Beratungs- und Informationsangebot sowie finanzielle Hilfen für die Vereinsarbeit. Während der Corona-Krise unterstützt er jene Vereine, die den von der Landesregierung angebotenen Rettungsschirm in Anspruch nehmen müssen. Der wurde aufgespannt mit einer nicht zurückzuzahlenden Fördersumme von bis zu 12.000 Euro für Vereine, die durch Zahlungsunfähigkeit in ihrer Existenz bedroht waren. Den Antrag auf Finanzhilfe stellten etwa vierzig der 6.000 rheinland-pfälzischen Sportvereine.

Für die CTG, die neben Sportförderung und Sponsoring rein beitragsfinanziert aufgestellt ist, sei das keine Option gewesen, legt Sauer dar. Der Verein habe erfreulicherweise noch ausreichend Rücklagen, die für eine Bewilligung der Unterstützung zunächst hätten aufgebraucht werden müssen. Die Sportbund-Präsidentin bedauert diese Auflage, von der bei dem ersten, sehr positiv verlaufenden Gespräch mit dem Innenministerium noch nicht die Rede war.

Das Procedere der Beantragung von Kurzarbeitergeld für die fünf hauptamtlichen Mitarbeiter (1 Bürokraft und 4 Trainer) war dann auch komplizierter als gedacht und versprochen. Die CTG musste dafür nun die Hilfe einer Steuerberaterin in Anspruch nehmen.

Wegen der nicht unproblematischen finanziellen Situation des Vereins ist jedes Entgegenkommen hilfreich und dankenswert. Dass die städtischen Förderzuschüsse trotz der coronabedingten Sportpause weiterhin ausgezahlt werden und die GEMA auf Gebührenzahlung verzichtet, stopft ein wenig das immer größer werdende Loch in der Vereinskasse.

Als mindestens ebenso schmerzhaft wie die finanzielle Lage empfinden die Sportvereine den Stopp des Sportbetriebes aufgrund der Corona-Bekämpfungsverordnung des Landes. Seit Anfang Juni 2020 erlaubt die Stadt Koblenz nun für einige Sporthallen die Wiederaufnahme des Trainingsbetriebs. Allerdings gilt es, das vom Land erarbeitete Hygienekonzept für Sport im Innenbereich umzusetzen. Und das hat es faustdick hinter den Ohren. Allein die Begrenzung auf eine Person je zehn Quadratmeter macht die Nutzung der Hallen für die meisten Sportarten nahezu unmöglich, wie Monika Sauer darlegt. Auch die Öffnung der Schwimmbäder sei mit einem Riesenaufwand verbunden. Umkleide- und Nassräume dürfen nur einzeln genutzt werden. Jeder Besuch muss wegen der geringer zugelassenen Nutzerzahl zeitlich genauestens getaktet sein, und der Mindestabstand von 1,5 Metern ist im Wasser genauso zu wahren wie außerhalb des Beckens. Die Einhaltung der Regeln zu kontrollieren, lässt sich mit dem zur Verfügung stehenden Personal kaum realisieren. Daher werden Schulsport und Schulschwimmen noch gar nicht angeboten. Ebenso außen vor bleibt jeglicher Vollkontaktsport wie Tanzen, Boxen oder Ringen.

Sauer schätzt, dass ein einigermaßen normaler Trainingsbetrieb erst ab dem Sommer möglich sein wird. Aber gerade dann sind vier der etwa 15 von der CTG für ihr breites Angebot an Ausdauer-, Gesundheits-, Ball- und Kampfsport sowie Turnen, Fitness und Tanz genutzten Sportstätten wegen Renovierung geschlossen.

Je länger die Auszeit dauert, umso größer ist die Gefahr, dass sich die Sporttreibenden in der Corona-Behaglichkeit einrichten und Alternativen zum Vereinssport für sich entdecken. Bislang gebe es jedoch keine Austrittserklärungen mit der Begründung eines fehlenden Sportangebotes, sagt Sauer. Vielleicht ist das dem Offenen Brief des Sportbundes Rheinland an alle Sportler zu verdanken, in dem er schon am 23. März um Solidarität gegenüber dem Sportverein und um Weiterzahlung der Mitgliedsbeiträge bat - „als Dank für das bisher Geleistete und als Startkapital in eine hoffentlich gute Zukunft!“.

Wie die aussehen kann, ist bis heute noch relativ ungewiss. Bislang gibt es vonseiten der Regierung keine zeitliche Perspektive darüber, wann die Auflagen fallen. Sicher ist, dass es gemäß Bundes- und Länderbeschluss mindestens bis zum 31. August keinerlei Großveranstaltungen geben darf, zu denen größere Sportveranstaltungen mit Zuschauern genauso gehören wie Kirmes oder Schützenfest - zwei verlässliche Einnahmequellen der Vereine. Opfer dieser Verordnung sind und waren beispielsweise die Reitsportmesse, die Special Olympics, der Münzlauf oder der Koblenz-Marathon.

Neben der Möglichkeit, sich im Sport zu messen, fehlt vielen der im Verein Aktiven das soziale Miteinander. An die Mitglieder versandte Trainingspläne, Bewegungstipps und Online-Trainingseinheiten können das einfach nicht ersetzen. Schon gar nicht für Profisportler wie die Kunstturner, die im Herbst dieses Jahres bei der Bundesliga mitmachen wollen. Das Kontaktverbot macht es gerade für diese Sportler kaum möglich, sich ausreichend vorzubereiten. Dementsprechend, so Sauer, werden die Ergebnisse des sportlichen Wettbewerbs vermutlich nicht unbedingt die besten sein. Ebenso hart trifft der Ausfall der Übungsstunden die 320 CTG-Mitglieder im Gesundheitssport, insbesondere die Herzsportgruppe. Ihr gehören, durch die Brille der Corona-Pandemie betrachtet, nur Hochrisikopersonen an. Der Sport ist für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein wichtiger Bestandteil in der Rehabilitationskette. Fällt er aus, sind gesundheitsbeeinträchtigende Auswirkungen nicht auszuschließen. „Der Weg zurück in die Normalität könnte ein längerer sein“, sagt Sauer. Als Alternative bot der Verein daher ein Sportprogramm im Freien an. Noch immer sind beide für die Herzsportgruppe reservierten Hallen nicht geöffnet.

Übel sieht es auch für den fünffachen Florettweltmeister Peter Joppich aus, der seit 2007 für die CTG als Profisportler am Start ist und eines seiner Aushängeschilder ist. Mit seinem Team hatte er sich für die Olympischen Spiele in Tokio qualifiziert, doch die wurden wegen der Pandemie jetzt um ein Jahr verschoben. Ob Joppich (geb. 1982) dann noch antreten kann und wird?


  Monika Sauer mit Peter Joppich

                                                
Aber Monika Sauer sieht auch einen positiven Nebeneffekt der Corona-Krise. Die Menschen haben den Lockdown und die damit einhergehende zusätzliche Freizeit genutzt, um an der frischen Luft zu trainieren, um gemeinsam mit der Familie aktiv zu sein. Sie habe selten so viele Familien gesehen, die per Fahrrad unterwegs waren oder gemeinsame Wanderungen machten, sagt sie.

Dennoch hofft sie, die sich in früherer Zeit zweimal den deutschen Meistertitel im Kunstturnen holte, es im Volleyballteam bis in die 2. Bundesliga schaffte und sich heute mit Tennis, Rad- und Skifahren sowie Schwimmen fit hält, dass der Vereinssport sehr bald wieder in vollem Umfang möglich wird. Neben dem Sportbetrieb sei es wichtig, Ehrungen und Feste sowie den Bereich der Aus- und Fortbildung neu zu aktivieren. Trainer und Vereinsvorsitz stünden jedenfalls hoch motiviert in den Startlöchern.

Aus Sicht des Sportbundes lobt Sauer die bislang gezeigte Solidarität und Geduld der Sportler, der Vereine und insbesondere der Ehrenamtler, die auf ihre Ehrenamtspauschale verzichten mussten. Sie hatte sich sehr gewünscht, der Bund würde nach durchstandener Krise eine deutliche Erhöhung der Sportstättenförderung gewähren. Dieser Wunsch ging gerade schon in Erfüllung: die Förderung wurde auf 220 Millionen Euro verdoppelt. Damit kann möglichst viel Geld bei den Vereinen ankommen - ein richtiges Zeichen. So können Maßnahmen ergriffen werden, die der Zerstörung der Vereinslandschaft entgegenwirken und die Mitgliedertreue fördern. Wenn Hallen und Plätze in Bestform und modern ausgestattet sind, werden auch die Vereinssportler gerne zeigen, was in ihnen steckt, ist die Sportbund-Präsidentin überzeugt.


Das Gespräch mit Monika Sauer führten Sylvie Weber und Barbara Senger am 10. Juni 2020.

Mein Leben im Wandel

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