Montag, 22. Juni 2020

Sportbund und Sportvereine turnen durch immer neue Landesverfügungen

90.000 Sportvereine in Deutschland haben aufgrund der Verordnungen zur Reduzierung von Coronavirus-Infektionen jetzt seit rund drei Monaten auf Vereinssport, Trainings- und Wettkampfbetrieb verzichten müssen.

Monika Sauer, Präsidentin des Sportbundes Rheinland und Vereinsvorsitzende der Coblenzer Turngesellschaft 1880 e.V. („CTG“) zeigt auf, welche Probleme sich im Alltag der Vereine ergeben, und wie sie für die Sporttreibenden durch wöchentlich neue Landesverfügungen turnen muss.


Die CTG ist mit 2.100 Mitgliedern der größte Sportverein der Stadt Koblenz. Sie ist einer der 3.100 Vereine (mit insgesamt 623.000 Mitgliedern), die dem in Koblenz ansässigen Sportbund Rheinland e.V. angeschlossen sind. Der Sportbund bietet seinen Mitgliedern ein breites Qualifizierungs-, Beratungs- und Informationsangebot sowie finanzielle Hilfen für die Vereinsarbeit. Während der Corona-Krise unterstützt er jene Vereine, die den von der Landesregierung angebotenen Rettungsschirm in Anspruch nehmen müssen. Der wurde aufgespannt mit einer nicht zurückzuzahlenden Fördersumme von bis zu 12.000 Euro für Vereine, die durch Zahlungsunfähigkeit in ihrer Existenz bedroht waren. Den Antrag auf Finanzhilfe stellten etwa vierzig der 6.000 rheinland-pfälzischen Sportvereine.

Für die CTG, die neben Sportförderung und Sponsoring rein beitragsfinanziert aufgestellt ist, sei das keine Option gewesen, legt Sauer dar. Der Verein habe erfreulicherweise noch ausreichend Rücklagen, die für eine Bewilligung der Unterstützung zunächst hätten aufgebraucht werden müssen. Die Sportbund-Präsidentin bedauert diese Auflage, von der bei dem ersten, sehr positiv verlaufenden Gespräch mit dem Innenministerium noch nicht die Rede war.

Das Procedere der Beantragung von Kurzarbeitergeld für die fünf hauptamtlichen Mitarbeiter (1 Bürokraft und 4 Trainer) war dann auch komplizierter als gedacht und versprochen. Die CTG musste dafür nun die Hilfe einer Steuerberaterin in Anspruch nehmen.

Wegen der nicht unproblematischen finanziellen Situation des Vereins ist jedes Entgegenkommen hilfreich und dankenswert. Dass die städtischen Förderzuschüsse trotz der coronabedingten Sportpause weiterhin ausgezahlt werden und die GEMA auf Gebührenzahlung verzichtet, stopft ein wenig das immer größer werdende Loch in der Vereinskasse.

Als mindestens ebenso schmerzhaft wie die finanzielle Lage empfinden die Sportvereine den Stopp des Sportbetriebes aufgrund der Corona-Bekämpfungsverordnung des Landes. Seit Anfang Juni 2020 erlaubt die Stadt Koblenz nun für einige Sporthallen die Wiederaufnahme des Trainingsbetriebs. Allerdings gilt es, das vom Land erarbeitete Hygienekonzept für Sport im Innenbereich umzusetzen. Und das hat es faustdick hinter den Ohren. Allein die Begrenzung auf eine Person je zehn Quadratmeter macht die Nutzung der Hallen für die meisten Sportarten nahezu unmöglich, wie Monika Sauer darlegt. Auch die Öffnung der Schwimmbäder sei mit einem Riesenaufwand verbunden. Umkleide- und Nassräume dürfen nur einzeln genutzt werden. Jeder Besuch muss wegen der geringer zugelassenen Nutzerzahl zeitlich genauestens getaktet sein, und der Mindestabstand von 1,5 Metern ist im Wasser genauso zu wahren wie außerhalb des Beckens. Die Einhaltung der Regeln zu kontrollieren, lässt sich mit dem zur Verfügung stehenden Personal kaum realisieren. Daher werden Schulsport und Schulschwimmen noch gar nicht angeboten. Ebenso außen vor bleibt jeglicher Vollkontaktsport wie Tanzen, Boxen oder Ringen.

Sauer schätzt, dass ein einigermaßen normaler Trainingsbetrieb erst ab dem Sommer möglich sein wird. Aber gerade dann sind vier der etwa 15 von der CTG für ihr breites Angebot an Ausdauer-, Gesundheits-, Ball- und Kampfsport sowie Turnen, Fitness und Tanz genutzten Sportstätten wegen Renovierung geschlossen.

Je länger die Auszeit dauert, umso größer ist die Gefahr, dass sich die Sporttreibenden in der Corona-Behaglichkeit einrichten und Alternativen zum Vereinssport für sich entdecken. Bislang gebe es jedoch keine Austrittserklärungen mit der Begründung eines fehlenden Sportangebotes, sagt Sauer. Vielleicht ist das dem Offenen Brief des Sportbundes Rheinland an alle Sportler zu verdanken, in dem er schon am 23. März um Solidarität gegenüber dem Sportverein und um Weiterzahlung der Mitgliedsbeiträge bat - „als Dank für das bisher Geleistete und als Startkapital in eine hoffentlich gute Zukunft!“.

Wie die aussehen kann, ist bis heute noch relativ ungewiss. Bislang gibt es vonseiten der Regierung keine zeitliche Perspektive darüber, wann die Auflagen fallen. Sicher ist, dass es gemäß Bundes- und Länderbeschluss mindestens bis zum 31. August keinerlei Großveranstaltungen geben darf, zu denen größere Sportveranstaltungen mit Zuschauern genauso gehören wie Kirmes oder Schützenfest - zwei verlässliche Einnahmequellen der Vereine. Opfer dieser Verordnung sind und waren beispielsweise die Reitsportmesse, die Special Olympics, der Münzlauf oder der Koblenz-Marathon.

Neben der Möglichkeit, sich im Sport zu messen, fehlt vielen der im Verein Aktiven das soziale Miteinander. An die Mitglieder versandte Trainingspläne, Bewegungstipps und Online-Trainingseinheiten können das einfach nicht ersetzen. Schon gar nicht für Profisportler wie die Kunstturner, die im Herbst dieses Jahres bei der Bundesliga mitmachen wollen. Das Kontaktverbot macht es gerade für diese Sportler kaum möglich, sich ausreichend vorzubereiten. Dementsprechend, so Sauer, werden die Ergebnisse des sportlichen Wettbewerbs vermutlich nicht unbedingt die besten sein. Ebenso hart trifft der Ausfall der Übungsstunden die 320 CTG-Mitglieder im Gesundheitssport, insbesondere die Herzsportgruppe. Ihr gehören, durch die Brille der Corona-Pandemie betrachtet, nur Hochrisikopersonen an. Der Sport ist für Menschen mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen ein wichtiger Bestandteil in der Rehabilitationskette. Fällt er aus, sind gesundheitsbeeinträchtigende Auswirkungen nicht auszuschließen. „Der Weg zurück in die Normalität könnte ein längerer sein“, sagt Sauer. Als Alternative bot der Verein daher ein Sportprogramm im Freien an. Noch immer sind beide für die Herzsportgruppe reservierten Hallen nicht geöffnet.

Übel sieht es auch für den fünffachen Florettweltmeister Peter Joppich aus, der seit 2007 für die CTG als Profisportler am Start ist und eines seiner Aushängeschilder ist. Mit seinem Team hatte er sich für die Olympischen Spiele in Tokio qualifiziert, doch die wurden wegen der Pandemie jetzt um ein Jahr verschoben. Ob Joppich (geb. 1982) dann noch antreten kann und wird?


  Monika Sauer mit Peter Joppich

                                                
Aber Monika Sauer sieht auch einen positiven Nebeneffekt der Corona-Krise. Die Menschen haben den Lockdown und die damit einhergehende zusätzliche Freizeit genutzt, um an der frischen Luft zu trainieren, um gemeinsam mit der Familie aktiv zu sein. Sie habe selten so viele Familien gesehen, die per Fahrrad unterwegs waren oder gemeinsame Wanderungen machten, sagt sie.

Dennoch hofft sie, die sich in früherer Zeit zweimal den deutschen Meistertitel im Kunstturnen holte, es im Volleyballteam bis in die 2. Bundesliga schaffte und sich heute mit Tennis, Rad- und Skifahren sowie Schwimmen fit hält, dass der Vereinssport sehr bald wieder in vollem Umfang möglich wird. Neben dem Sportbetrieb sei es wichtig, Ehrungen und Feste sowie den Bereich der Aus- und Fortbildung neu zu aktivieren. Trainer und Vereinsvorsitz stünden jedenfalls hoch motiviert in den Startlöchern.

Aus Sicht des Sportbundes lobt Sauer die bislang gezeigte Solidarität und Geduld der Sportler, der Vereine und insbesondere der Ehrenamtler, die auf ihre Ehrenamtspauschale verzichten mussten. Sie hatte sich sehr gewünscht, der Bund würde nach durchstandener Krise eine deutliche Erhöhung der Sportstättenförderung gewähren. Dieser Wunsch ging gerade schon in Erfüllung: die Förderung wurde auf 220 Millionen Euro verdoppelt. Damit kann möglichst viel Geld bei den Vereinen ankommen - ein richtiges Zeichen. So können Maßnahmen ergriffen werden, die der Zerstörung der Vereinslandschaft entgegenwirken und die Mitgliedertreue fördern. Wenn Hallen und Plätze in Bestform und modern ausgestattet sind, werden auch die Vereinssportler gerne zeigen, was in ihnen steckt, ist die Sportbund-Präsidentin überzeugt.


Das Gespräch mit Monika Sauer führten Sylvie Weber und Barbara Senger am 10. Juni 2020.

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