Freitag, 29. Mai 2020

Tai Chi Zentrum Koblenz trotzt der Corona-Krise

Mit gesundheitsorientiertem Tai Chi durch die Corona-Krise


Die Corona-Krise und die mit ihr für viele Menschen einhergehende Zeit zunehmender Unbeweglichkeit öffnet geradezu die Tür für sportliche Aktivitäten und das Erlernen neuer Gesundheitsübungen. Vielleicht eine gute Gelegenheit, sich einmal mit Tai Chi Chuan und Qi Gong zu beschäftigen? Denn diese „gesundheitsorientierten Übungssysteme“ lassen sich nahezu überall und jederzeit trainieren.

Mit einem Angebot von wöchentlich rund 25 Kursen, darunter auch Yoga- und Meditationskurse, und etwa 200 Schülern darf sich das seit 1991 bestehende Koblenzer Tai-Chi-Zentrum in der Firmungstraße 2 zu den größten in Deutschland zählen. Es ist an keinen Verband angeschlossen und bezeichnet sein Lehrsystem als sehr tolerant und offen in Bezug auf die Stilrichtungen. Hier werde entspannter und lockerer als in vielen anderen Zentren unterrichtet, wirbt David Spoden (44) für das Haus. Er ist Tai Chi-Lehrer und Heilpraktiker für Psychotherapie und leitet das Zentrum gemeinsam mit Diplom Psychologe E. Markus Schmitt. „Bei uns stimmen Ambiente und Qualität“, ist er überzeugt. Ihn selbst hat das Tai Chi-Fieber seit dreißig Jahren schon fest im Griff. Eine Tai Chi-Vorführung einer Kung-Fu-Schule weckte in ihm die Lust, diese Sportart zu lernen und zu lehren. Die Verbindung von Kampfkunst und Meditation faszinierte ihn. „Im Jahre 2000 absolvierte ich die Lehrerprüfung in London bei Meister Chu King Hung“. Seither unterrichtete er mehr als 1.000 Schüler und bildete viele Tai Chi Lehrer aus.


Von der seit Mitte März 2020 in Kraft getretenen Corona-Eindämmungsmaßnahme, mit der Sportstudios geschlossen bleiben müssen, ist auch das Tai Chi-Zentrum betroffen. David Spoden sei nur kurz geschockt gewesen, sagt er. Eine von ihm versendete Rundmail an die Schüler des Zentrums erfuhr eine derart positive Rückmeldung, dass er sich spontan entschloss, direkt ab dem auf die Schließung folgenden Tag die Kurse für sich selbst, seine Schüler und für jedermann auf einem anderen Weg weiter anzubieten. Sein Facebook-Anfänger-Kurs für Tai Chi war geboren. Eine Viertelstunde lang tägliche Meditation in Bewegung, wie sich Tai Chi am besten beschreiben lässt. Inzwischen sind dreißig Kurs-Tage zusammengekommen. Die Resonanz war von Anfang an riesig. Das erste Video erreichte rund 2.000 Aufrufe auf YouTube und 7.000 auf Facebook. Die Minikurse zum Mitmachen sind nach wie vor online und hier zu finden: https://www.youtube.com/playlist?list=PLbpjurKu4A5hww-bAlm2DlukRMxpiNbPg


Zusätzlich schätzt sich das Zentrum glücklich, bereits 2019 erstmalig Onlinekurse eingerichtet zu haben, allerdings ein wenig kürzer als die Gruppen-Kurse, weil die Aufmerksamkeit von Lehrern und Schülern bei Bildschirmarbeit schneller nachlasse. Das Fehlen der Komponente der sozialen Begegnung und der aus der Gruppe erwachsenden Motivation ist der wesentlichste Unterschied zu den Gruppenkursen. Um diesen Mangel ein wenig auszugleichen, setzte das Zentrum zusätzlich virtuelle Gruppenkurse in einem virtuellen Tai Chi-Raum in die Welt. Die Corona-Zeit habe die Online-Gemeinschaft anwachsen lassen. Vermutlich zeigten sich die Schüler, die hauptsächlich in mittlerem und hohem Alter sind, dieser Kursform zunehmend aufgeschlossen gegenüber, weil sie sich einer Risikogruppe zugehörig fühlten und von daher Live-Kurse so oder so vermieden hätten.

Seit einigen Tagen erlaubt die rheinland-pfälzische Landesregierung nun wieder das Trainieren im Freien, sofern Kontaktverbot/Mindestabstand eingehalten werden. Das lassen sich Lehrer und ihre Schüler natürlich nicht zweimal sagen und nutzen die Gelegenheit, im kleinen Garten hinter dem Haus, in dem sich das Zentrum befindet, zu üben und mit Tai Chi Kraft und Energie aufzutanken. Das mache Tai Chi aus. Darüber hinaus lehre es Achtsamkeit für den eigenen Körper und die Kunst seiner Wahrnehmung.

Weiterhin geschlossen bleiben muss die Teestube, die vor Corona noch ein geselliger Treffpunkt vor und nach dem Training war. Ebenso dürfen Umkleideräume und der Sanitärbereich nicht benutzt werden. Das soll selbst dann noch gelten, wenn ab dem 27. Mai das Zentrum die insgesamt vier, allesamt sehr ansprechend ausgestalteten Übungsräume unter strengen Auflagen wieder für das Training nutzen darf. Die Vorschrift, nur wenige Schüler im Raum gemeinsam zu trainieren ist mit dem offenen Kurssystem des Zentrums ohne größere Probleme umsetzbar. Denn Mitglieder haben damit die Möglichkeit, ohne Mehrkosten auf Parallel-Kurse auszuweichen.

Mit der Wiedereröffnung werden zudem die an jedem ersten Montag im Monat angebotenen, kostenlosen Einführungsstunden für Tai Chi neu belebt.

Unter dem Strich ist Spoden davon überzeugt, dass der Lockdown das Tai Chi-Zentrum für die Zukunft sogar besser aufstellte. Insbesondere was die Digitalität anbelangt. Das Online-Angebot soll weiter ausgebaut und noch besser strukturiert werden, so dass bei künftigen möglichen Schließungen bestmöglich auf die Situation reagiert werden könne. Außerdem will er weiterhin neue Ideen in die Unterrichtsarbeit einfließen lassen, immer wieder neue Schwerpunkte für das Training setzen. Ein Training, das Geist und Gesundheit gleichermaßen fördert.



Das Gespräch mit David Spoden führte Barbara Senger am 20. Mai 2020 per Videokonferenz.

Fotos: Tai Chi Zeintrum Koblenz


Mittwoch, 20. Mai 2020

"Auf und davon" ist in Zeiten von Corona eine hohle Phrase.



 Für Bogdan Nitulescu (52), Inhaber des Koblenzer Reisebüros „Auf und Davon“, Gemüsegasse 9, sind die Maßnahmen zur Bekämpfung des neuartigen Corona-Virus eine berufliche Katastrophe. Seit 1994 betreibt er mit Herzblut das Reisebüro. In all den Jahren haben sein Team und er stets ihr Bestes gegeben, um ihren Kunden mit den Reisen ein einmaliges Erlebnis zu verschaffen. Mit diesem Engagement und einem breit gefächerten, der Zusammenarbeit mit allen gängigen Reiseveranstaltern zu verdankenden Angebot konnte er sich einen umfangreichen Kundenstamm und eine hohe Quote an Stammkunden sichern.

Seitdem sich das Virus zu einer Pandemie entwickelt hat, ist die schöne bunte Reisewelt zum Erliegen gekommen. Dass es ein Problem für die Touristikbranche geben würde, war dem erfahrenen Reiseverkehrskaufmann schon klar, als China und Italien mit schärfsten Infektions-Schutzmaßnahmen wie Ausgangssperren und Schließungen von Geschäften und Schulen auf die gefährliche Atemwegserkrankung reagierten. Aber dass sich die ergriffenen Maßnahmen in einem derartigen Ausmaß in allen Lebensbereichen und allen Branchen niederschlagen würden, dass der Shutdown so schnell und plötzlich durchgeführt würde, hätte er nicht für möglich gehalten. Es gab keine Chance, sich und seine Kunden auf die Krise vorzubereiten. Sie übertreffe bei weitem diejenigen, die ihn beruflich schon mehrfach vor Herausforderungen stellten. Hier führt er beispielhaft die Terroranschläge in den Vereinigten Staaten von Amerika am 11. September 2001, den Irakkrieg 2003 und den Vulkanausbruch auf Island im Jahr 2010 an. Auch hier gab es jeweils gravierende Auswirkungen auf die Tourismusindustrie.

Heute nun, zwei Monate nach Beginn der Corona-Krise, sitzt er wie so oft in den letzten Wochen alleine in seinem Reisebüro. Für drei der bei ihm beschäftigten Vollzeitkräfte, allesamt ausgebildete Reiseverkehrskaufleute, musste er Kurzarbeit anmelden. Dem vierten Mitarbeiter kann er bislang noch eine Vollzeitstelle bieten, aber sicher nicht mehr lange, immerhin sind die Umsätze seit Wochen zu hundert Prozent eingebrochen - „close to zero“, wie er es resignierend formuliert. Nitulescu gibt zu Bedenken, dass die Reisebüros erst dann eine Provision von den Veranstaltern ausgezahlt bekommen, wenn die gebuchten Reisen angetreten wurden. Für die im Vorfeld zur Anbahnung der Buchung geleistete Arbeit, gibt es kein Geld. Die Reise-Anzahlungen gehen zu hundert Prozent an die Veranstalter. Da aufgrund der Pandemie sämtliche Reisen für April, Mai und überwiegend auch für Juni storniert werden (mussten), wird er für den hier geleisteten Aufwand keinerlei Bezahlung erhalten. Ganz im Gegenteil. Die wegen des Lockdowns verfügte vorzeitige Rückholung der Kunden aus den Urlaubsgebieten forderte zusätzlichen und verstärkten Einsatz von ihm und seinem Team. Alles als unentgeltliche Service-Leistung.
Natürlich beantragte und erhielt er die auf drei Monate kalkulierten 9.000 Euro des Bundesprogramms „Corona-Soforthilfe“. Weil er aber 15.000 Euro monatlich erwirtschaften muss, damit er die Raummiete bezahlen und allen weiteren finanziellen Verpflichtungen nachkommen kann, sei die Unterstützung weniger als ein Tropfen auf den heißen Stein, rechnet er vor.

Nun, da es immer mehr Corona-Lockerungen gibt, Reisen zumindest schon einmal innerhalb von Deutschland möglich sind, bleiben die Kunden trotzdem noch aus. Nitulescu sieht die Gründe hauptsächlich in der Angst der Menschen, sich mit dem Virus zu infizieren, in der den Rahmenbedingungen geschuldeten Unlust, zu reisen und in der finanziellen Schieflage, in die eben auch viele Kunden des Reisebüros gerieten. So bleiben die unzähligen Reiseprospekte einstweilen ungelesen und ungenutzt in den Regalen liegen. Und Nitulescu muss jeden Tag mit der Entscheidung ringen, ob er Mitarbeiter sogar entlassen muss. Um das zu verhindern, könnte er sich vorstellen, wenigstens einen Teil der über Jahre gezahlten Steuern jetzt wie ein „Kickback“ vom Finanzamt zurückzubekommen. Man merkt ihm an, dass ihm die Situation sehr zusetzt, denn das Reisebüro betrachtet er als sein Lebenswerk, das gerade wie ein Kartenhaus in sich zusammenzufallen scheint. Einen Plan „B“ gibt es für ihn nicht, denn er habe nichts anderes gelernt, wie er sagt. Jetzt scheint zumindest die Tatsache, dass er Single ist und keine Familie zu versorgen hat, eine glückliche Fügung zu sein.
Die Schließung seines und vieler anderer Reisebüros kann seiner Meinung nach nur verhindert werden, wenn nun sehr schnell der touristische Flugverkehr wieder anläuft und die Quarantäne-Auflagen in den Urlaubsländern zurückgenommen werden. Fast ebenso wichtig für die Wiedergewinnung der Reiselust der Menschen sei es, dass sie die Angst vor dem Virus verlieren. Er persönlich habe kaum Angst, sich zu infizieren. Sein Fernweh ist einfach größer. Sehr gerne würde er bald einmal wieder sein Lieblings-Reiseland besuchen, das auch das am stärksten nachgefragte Urlaubsziel seiner Kunden ist: Thailand.

Die persönliche Betroffenheit und die Sorge um sein Reisebüro veranlassten ihn, in dieser Woche an der bundesweit stattfindenden Demo zur Rettung der Reisebüros in Koblenz vor dem Kurfürstlichen Schloss teilzunehmen. Mit diesen Aktionen soll auf die Misere aufmerksam und Forderungen nach weiteren sofortigen und nicht rückzahlbaren Finanzhilfen an Bund und Land öffentlich gemacht werden. Mehr könne er nicht tun, denn er gehöre nicht zu den Entscheidungsträgern. Im Übrigen bleibt ihm schlichtweg die Hoffnung auf eine schnelle Entspannung der Lage, so dass das Geschäftsjahr 2020 am Ende nicht als Totalschaden zu verbuchen ist.
 
Eine Sorge, davon ist Nitulescu überzeugt, hat Corona ihm allerdings genommen. Die Menschen werden ihren Urlaub nach überstandener Krise wieder mehr in die Hände der Reisefachleute legen, denn deren Service ist gerade in Krisenzeiten von unschätzbar hohem Wert. Davon können Reisende, die in ihrem Urlaubsland von den Corona-Maßnahmen überrascht wurden, ein Lied singen.

Das Gespräch mit Bogdan Nitulescu führten Sylvie Weber und Barbara Senger am 16. Mai 2020.

Mein Leben im Wandel

Bevor das Virus namens Corona die Regierenden dieser Welt kaperte, hatte ich, die Autorin dieses Blogs, zwei Standbeine zur finanziellen Abs...