Für
Bogdan Nitulescu (52), Inhaber des Koblenzer Reisebüros „Auf und
Davon“, Gemüsegasse 9, sind die Maßnahmen zur Bekämpfung des
neuartigen Corona-Virus eine berufliche Katastrophe. Seit 1994
betreibt er mit Herzblut das Reisebüro. In all den Jahren haben sein
Team und er stets ihr Bestes gegeben, um ihren Kunden mit den Reisen
ein einmaliges Erlebnis zu verschaffen. Mit diesem Engagement und
einem breit gefächerten, der Zusammenarbeit mit allen gängigen
Reiseveranstaltern zu verdankenden Angebot konnte er sich einen
umfangreichen Kundenstamm und eine hohe Quote an Stammkunden sichern.
Seitdem
sich das Virus zu einer Pandemie entwickelt hat, ist die schöne
bunte Reisewelt zum Erliegen gekommen. Dass es ein Problem für die
Touristikbranche geben würde, war dem erfahrenen
Reiseverkehrskaufmann schon klar, als China und Italien mit
schärfsten Infektions-Schutzmaßnahmen wie Ausgangssperren und
Schließungen von Geschäften und Schulen auf die gefährliche
Atemwegserkrankung reagierten. Aber dass sich die ergriffenen
Maßnahmen in einem derartigen Ausmaß in allen Lebensbereichen und
allen Branchen niederschlagen würden, dass der Shutdown so schnell
und plötzlich durchgeführt würde, hätte er nicht für möglich
gehalten. Es gab keine Chance, sich und seine Kunden auf die Krise
vorzubereiten. Sie übertreffe bei weitem diejenigen, die ihn
beruflich schon mehrfach vor Herausforderungen stellten. Hier führt
er beispielhaft die Terroranschläge in den Vereinigten Staaten von
Amerika am 11. September 2001, den Irakkrieg 2003 und den
Vulkanausbruch auf Island im Jahr 2010 an. Auch hier gab es jeweils
gravierende Auswirkungen auf die Tourismusindustrie.
Heute
nun, zwei Monate nach Beginn der Corona-Krise, sitzt er wie so oft in
den letzten Wochen alleine in seinem Reisebüro. Für drei der bei
ihm beschäftigten Vollzeitkräfte, allesamt ausgebildete
Reiseverkehrskaufleute, musste er Kurzarbeit anmelden. Dem vierten
Mitarbeiter kann er bislang noch eine Vollzeitstelle bieten, aber
sicher nicht mehr lange, immerhin sind die Umsätze seit Wochen zu
hundert Prozent eingebrochen - „close to zero“, wie er es
resignierend formuliert. Nitulescu gibt zu Bedenken, dass die
Reisebüros erst dann eine Provision von den Veranstaltern ausgezahlt
bekommen, wenn die gebuchten Reisen angetreten wurden. Für die im
Vorfeld zur Anbahnung der Buchung geleistete Arbeit, gibt es kein
Geld. Die Reise-Anzahlungen gehen zu hundert Prozent an die
Veranstalter. Da aufgrund der Pandemie sämtliche Reisen für April,
Mai und überwiegend auch für Juni storniert werden (mussten), wird
er für den hier geleisteten Aufwand keinerlei Bezahlung erhalten.
Ganz im Gegenteil. Die wegen des Lockdowns verfügte vorzeitige
Rückholung der Kunden aus den Urlaubsgebieten forderte zusätzlichen
und verstärkten Einsatz von ihm und seinem Team. Alles als
unentgeltliche Service-Leistung.
Natürlich
beantragte und erhielt er die auf drei Monate kalkulierten 9.000 Euro
des Bundesprogramms „Corona-Soforthilfe“. Weil er aber 15.000
Euro monatlich erwirtschaften muss, damit er die Raummiete bezahlen
und allen weiteren finanziellen Verpflichtungen nachkommen kann, sei
die Unterstützung weniger als ein Tropfen auf den heißen Stein,
rechnet er vor.
Nun,
da es immer mehr Corona-Lockerungen gibt, Reisen zumindest schon
einmal innerhalb von Deutschland möglich sind, bleiben die Kunden
trotzdem noch aus. Nitulescu sieht die Gründe hauptsächlich in der
Angst der Menschen, sich mit dem Virus zu infizieren, in der den
Rahmenbedingungen geschuldeten Unlust, zu reisen und in der
finanziellen Schieflage, in die eben auch viele Kunden des Reisebüros
gerieten. So bleiben die unzähligen Reiseprospekte einstweilen
ungelesen und ungenutzt in den Regalen liegen. Und Nitulescu muss
jeden Tag mit der Entscheidung ringen, ob er Mitarbeiter sogar
entlassen muss. Um das zu verhindern, könnte er sich vorstellen,
wenigstens einen Teil
der über Jahre gezahlten Steuern jetzt wie ein „Kickback“ vom
Finanzamt zurückzubekommen. Man merkt ihm an, dass ihm die Situation
sehr zusetzt, denn
das Reisebüro betrachtet er als sein Lebenswerk, das gerade wie ein
Kartenhaus in sich zusammenzufallen scheint. Einen Plan „B“ gibt
es für ihn nicht, denn er habe nichts anderes gelernt, wie er sagt.
Jetzt scheint zumindest die Tatsache, dass er Single ist und keine
Familie zu versorgen hat, eine glückliche Fügung zu sein.
Die
Schließung seines und vieler anderer Reisebüros kann seiner Meinung
nach nur verhindert werden, wenn nun sehr schnell der touristische
Flugverkehr wieder anläuft und die Quarantäne-Auflagen in den
Urlaubsländern zurückgenommen werden. Fast ebenso wichtig für die
Wiedergewinnung der Reiselust der Menschen sei es, dass sie die Angst
vor dem Virus verlieren. Er persönlich habe kaum Angst, sich zu
infizieren. Sein Fernweh ist einfach größer. Sehr gerne würde er
bald einmal wieder sein Lieblings-Reiseland besuchen, das auch das am
stärksten nachgefragte Urlaubsziel seiner Kunden ist: Thailand.
Die
persönliche Betroffenheit und die Sorge um sein Reisebüro
veranlassten ihn, in dieser Woche an der bundesweit stattfindenden
Demo zur Rettung der Reisebüros in Koblenz vor dem Kurfürstlichen
Schloss teilzunehmen. Mit diesen Aktionen soll auf die Misere
aufmerksam und Forderungen nach weiteren sofortigen
und nicht rückzahlbaren Finanzhilfen an Bund und Land öffentlich
gemacht werden. Mehr könne er nicht tun, denn er gehöre nicht zu
den Entscheidungsträgern. Im Übrigen bleibt ihm schlichtweg die
Hoffnung auf eine schnelle Entspannung der Lage, so dass das
Geschäftsjahr 2020 am Ende nicht als Totalschaden zu verbuchen ist.
Eine
Sorge, davon ist Nitulescu überzeugt, hat Corona ihm allerdings
genommen. Die Menschen werden ihren Urlaub nach überstandener Krise
wieder mehr in die Hände der Reisefachleute legen, denn deren
Service ist gerade in Krisenzeiten von unschätzbar hohem Wert. Davon
können Reisende, die in ihrem Urlaubsland von den Corona-Maßnahmen
überrascht wurden, ein Lied singen.
Das
Gespräch mit Bogdan Nitulescu führten Sylvie Weber und Barbara
Senger am 16. Mai 2020.


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