Mittwoch, 26. August 2020

Als Veranstaltungstechnik-Firma gehört die zeusaudio GmbH seit 2008 zu den Platzhirschen der hart umkämpften und bissigen Branche, die weit über die Grenzen der Stadt Koblenz hinaus, sogar europaweit, einen professionellen Eventservice mit Herz und Verstand anbietet. Sie ist Dienstleister für die großen Veranstaltungen der Region, baut dafür die Bühnen samt Musik-, Ton- und Beleuchtungstechnik. Geschäftsführer und Alleininhaber Christian Klotz, der ursprünglich eine Ausbildung zum Kfz-Mechaniker absolvierte, machte das als Drei-Mann-Betrieb in Koblenz-Lützel vor zwölf Jahren an den Start gegangene Unternehmen so groß, dass ihn heute dreizehn Mitarbeiter, darunter vier Auszubildende, bei der technischen Planung und Durchführung von Veranstaltungen unterstützen. Mit zehn Bühnen kann er nahezu alle Veranstalter-Wünsche erfüllen. 

                                            Foto: Nico Franz (Pixabay)
                         

Bevor die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie Stadt und Land einen Lockdown bescherten, lief das Geschäft wie am Schnürchen. Noch zu Beginn des Jahres durfte zeusaudio als Partner für eine große Tagung am Nürburgring die Technik stellen. Bald darauf, als Christian gerade mit seinem Wohnmobil Urlaub in Schweden machte, schwappte die Corona-Welle immer heftiger ins Land. Nach zwei Wochen entschied er sich, die Reise abzubrechen, um sich um die Firma und die Mitarbeiter zu kümmern. Die Rück- und Wiedereinreise klappte glücklicherweise völlig problemlos. Lediglich ein Truck, der zu dem Zeitpunkt mit einer seiner zehn Trailerbühnen unterwegs zu einer Messe nach Madrid war, wurde 200 Kilometer vor dem Ziel ausgebremst, da die Veranstaltung kurzerhand abgesagt worden war. Um den guten Kunden nicht zu verprellen, verzichtete Christian auf die Erstellung einer Stornorechnung. Für weitere abgesagte Veranstaltungen in Stadt und Land gab es für zeusaudio nur im Ausnahmefall Ausfallentschädigungen. In der Corona-Krise gilt ausgefallen und abgesagt eben nicht einzig für die Veranstaltungen, sondern zugleich für die bereits einkalkulierten Einnahmen. Als Beispiel zu nennen sind die Großveranstaltungen wie „Rhein in Flammen“, für die die Firma noch im Januar einen Dienstleistungsvertrag mit der Stadt Koblenz abschloss.

Die ersten Leidtragenden der damit einhergehenden finanziellen Belastung des an sich gesunden Unternehmens waren die (bis zu zwanzig) Freiberufler, die in Normalzeiten projektbezogen engagiert werden. Dann musste zeusaudio für die Mitarbeiter Kurzarbeit anmelden. Die Auszubildenden, für die keine Kurzarbeit angeordnet werden kann, absolvierten den praktischen Teil der Ausbildung im Betrieb und kümmerten sich um die Instandhaltung der Geräte oder brachten Ordnung in das Lager. Mittlerweile können die zukünftigen „Fachkräfte für Veranstaltungstechnik“ und „Veranstaltungskaufleute“ zumindest wieder Theorie büffeln in der Berufsschule in Mainz.

Die gut vierwöchige Geschäftsschließung, die mit dem Lockdown einherging, verlangte von Christian Flexibilität, sofern er nicht monatelang untätig bleiben wollte. Branchenfremde Dienstleistungen wie die Herstellung von Masken wollten sie, wie alle Mitarbeiter gemeinsam entschieden, jedenfalls nicht anbieten. Der Onlineshop für die gebrauchte Bühnentechnik blieb zunächst die einzige kleine Einnahmequelle. Wirklich Geld verdienen ließe sich damit allerdings nicht, weil zeusaudio mit dem Preisdumping der größeren Firmen am Markt nicht mithalten könne. Sein Unternehmen lege zur Kundenbindung mehr Wert auf eine gute Beratung. 

                                            Foto: Marko Heinrich (Pixabay) 

Es wurden also weitere Finanzmittel benötigt, um Miete, Löhne und Leasingraten weiterbezahlen zu können. Mit dem 15.000 Euro-Corona-Soforthilfe-Kredit der Investitions- und Strukturbank Rheinland-Pfalz sowie einem zinsgünstigen Corona-Kredit in Höhe von fast 500.000 Euro konnte dem Problem beigekommen werden. Zusätzlich will Christian jetzt das neue Konjunkturpaket in Anspruch nehmen, mit dem gesunden Unternehmen wie seinem bis zu 150.000 Euro zukommen sollen. Damit sähe er sich zumindest bis Ende des Jahres 2020 auf finanziell sicherem Boden.

Das in Folge der abgesagten Veranstaltungen von 120 auf null Prozent gesunkene Arbeitspensum betrachtet Christian nicht ausschließlich negativ. Er sieht es als „Zeit zum Luftholen“, als Zeit für kreatives Denken, als eine Chance. Dennoch will und kann er das Geschäft nicht komplett stillegen. „Livestreaming“, der Zug, auf den viele Künstler in der veranstaltungsfreien Zeit aufspringen, diente dann auch ihm als eine Art von Beschäftigungstherapie. Leider ließen sich mit diesem Format kaum Einnahmen erzielen, weil die Bereitwilligkeit der Zuschauer, für das Angebot etwas zu bezahlen, (noch) nicht gegeben ist. Zeusaudio begleitete verschiedenste Projekte. Im Musik- und Kleinkunstclub „Café Hahn“ produzierte die Firma zum Beispiel recht erfolgreich das mehrteilige Talkshow-Format „Ko'n'Taktlos“ mit Dörthe Dutt als Moderatorin, das anfangs von jeweils rund 250 Zuschauern live online verfolgt und letztlich weit mehr als eintausend Mal aufgerufen wurde. Mit zunehmend besserem Wetter gingen die Zuschauerzahlen allerdings drastisch zurück und die Serie wurde eingestellt. Des Weiteren bot zeusaudio die technische Ausrüstung des Live-Audits der „pop rlp masterclass“, die zur Unterstützung junger Nachwuchskünstler/innen im Bereich der Popularmusik ins Leben gerufen wurde.

Mittlerweile, da auch Industriekunden das Livestreaming für sich entdecken, werfe der Markt, nicht zuletzt aufgrund verschiedener Fördertöpfe, sogar ein wenig Geld ab. Auf diese Weise laufe das Geschäft langsam neu an. Gerade erst wurde zeusaudio als Technikpartner gebucht für das digitale Hoffest eines Weingutes und für eine Gin-Tasting-Aktion im Café Hahn.

Dass immer wieder der Name „Café Hahn“ auftaucht, ist kein Zufall. Hier sind Christian und sein Bruder Marc quasi zu Hause. Der Bruder betrieb früher einmal einen Musikalienhandel und arbeitete im Café Hahn. Über ihn rutschte Christian, der eine Zeitlang sogar Mieter einer über dem Club liegenden Wohnung war, vor 25 Jahren in das Veranstaltungsthema. Damit entstand nach und nach die enge Partnerschaft zwischen dem Kleinkunstclub und zeusaudio. Nun steht Café Hahn, das in Vor-Corona-Zeiten nahezu täglich mit einem Kulturprogramm aufwartete, mehr oder weniger leer. Das brachte Christian auf die Idee, zumindest bis Ende September in den zurzeit für nur 35 Personen zugelassenen Räumlichkeiten eine Plattform anzubieten für Webinare, Workshops, Konferenzen und Meetings, genauso wie für Talk-Formate, Tastings und vieles mehr – natürlich unter Einhaltung aller coronabedingten Hygienevorschriften. Zusätzlich stellt zeusaudio die Bühnentechnik für die jetzt in abgespeckter Form stattfindenden Veranstaltungen auf der Festung Ehrenbreitstein, wo sich Café Hahn seit 2012 um die gesamte Gastronomie und das Eventmanagement öffentlicher und geschlossener Veranstaltungen kümmern darf.

Obwohl zeusaudio trotz der Corona-Krise gar nicht so sehr schlecht dasteht, beteiligte sich Christian Ende Juni an der europaweiten Aktion „Night-Of-Lights“, mit der nach rund vier Monaten Berufsverbot auf die katastrophale Lage der durch die Corona-Krise bedrohten Veranstaltungswirtschaft aufmerksam gemacht werden sollte. In Koblenz erstrahlten in rotem Licht historische Gebäude wie das Schloss, Fort Konstantin und das deutsche Eck. Christian hätte gerne die vom Land Rheinland-Pfalz verwaltete Festung Ehrenbreitstein beleuchtet. Er bedauert, dass es dafür weder rotes noch grünes Licht gab, weil die Generaldirektion Kulturelles Erbe die Befestigungsanlage nicht für die Interessen einzelner Berufsgruppen benutzt sehen wollte. Unterm Strich habe die Aktion ihr Ziel nicht erreicht, sondern sei letztendlich als ein weiteres kostenfrei gebotenes Event wahrgenommen worden. Mehr Sinn hätte es vermutlich gemacht, einmal großflächig, beispielsweise bei einer öffentlichen Veranstaltung der Landes- oder Bundesregierung, Licht und Technik abzuschalten.

Obwohl kleinere Veranstaltungen inzwischen wieder erlaubt sind, wird die Veranstaltungswirtschaft weiterhin darben müssen. Denn die Konzepte seien auf Großveranstaltungen schwierig bzw. gar nicht übertragbar. Die ersatzweise organisierten Autokino-Konzerte seien ebenso wenig ein Heilsbringer. Der Aufwand sei riesig, die Einnahmen aufgrund viel zu niedriger Zuschauerzahlen zu gering. Nur mit der „alten Normalität“ seien Konzerte, Stadtfeste und Messen rentabel umsetzbar. Allenfalls könne er sich eine Art „Hybridlösung“ vorstellen, sagt Christian, bei der ein kleines Livekonzert mit wenigen Besuchern durch ein Onlinekonzert für die Masse der Zuschauer ergänzt werde.

Einstweilen sitzt er die veranstaltungsfreie Zeit einfach aus, versucht, mit den Gegebenheiten umzugehen. Allerdings wünscht er sich vonseiten der Regierung zur Optimierung der Situation und für bessere Planungsmöglichkeiten nicht allein für seine Branche klare Vorgaben, deren Sinnhaftigkeit deutlich werde.

Wie es für zeusaudio, das Unternehmen, dessen Aufbau er als seinen größten Erfolg betrachtet, jetzt weitergeht, könne er nur mit einem Blick in die Glaskugel sagen, die gerade allerdings unter den Schrank gerollt sei, meint Christian. Spätestens im Januar 2021 sollte ein Normalbetrieb wieder möglich sein. Anderenfalls müsse er gewiss Personal reduzieren, wenn nicht gar den Betrieb schließen, obwohl er in den letzten zehn Jahren wirklich viele Aufträge ausführen durfte und damit gutes Geld verdiente. 

Die persönliche Alternative des 44-Jährigen zu zeusaudio wäre vielleicht ein Anstellungsvertrag bei Koblenz-Kongress, am Theater oder im Öffentlichen Dienst.

Wer weiß, was die Glaskugel seinem weiteren Werdegang prophezeit?

Das Gespräch mit Christian Klotz führten Sylvie Weber und Barbara Senger.

Mittwoch, 19. August 2020

Sexarbeiter*innen fordern: "Gebt uns unsere sicheren Arbeitsplätze wieder zurück!"

Seit März 2020 halten die Maßnahmen zur Bekämpfung der Covid-19-Pandemie Deutschland in Atem. Der Lockdown bescherte der Bevölkerung ein umfassendes Kontaktverbot und ein Ausübungsverbot für eine große Anzahl von Berufen. Besonders hart traf das Solo-Selbständige, Freiberufler und Kleinstunternehmen. Für sie erdachte die Bundesregierung Soforthilfekredite und Überbrückungshilfen.

Staatliche Unterstützung klingt gut, kommt aber längst nicht bei jedem an, sagt Nicole Schulze, die seit 2019 dem in Berlin ansässigen Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V. als Vorstandsmitglied angehört. Sie weiß, wovon sie redet. Schon seit ihrem 18. Lebensjahr ist sie hauptberuflich als Sexarbeiterin tätig, seit vielen Jahren im eigenen Wohnwagen. Für sie ist das der zunächst aus Geldnot geborene, dann aber freiwillig gewählte Weg des Geldverdienens. Sie nennt den Beruf „facettenreich“. Er biete ihr in der Selbständigkeit die Chance, mit wenig Arbeitszeit mehr als durchschnittlich zu verdienen. Doch sie kennt auch die Probleme, die auf dem Gewerbe der Prostitution lasten.


Jetzt hat die Corona-Krise zusätzliche geschaffen. Seit Mitte März müssen laut Regierungsbeschluss deutschlandweit alle Bordelle und andere Prostitutionsstätten geschlossen bleiben. Wer wegen des Verdienstausfalls staatliche Unterstützung in Anspruch nehmen muss, hat Mindestvoraussetzungen zu erfüllen. Für den Großteil der geschätzt achtzig Prozent Migrant*innen unter den Sexworker*innen in Deutschland, ist das nicht möglich. Über ihnen spannte sich keinerlei finanzieller Schutzschirm auf. Sie blieben und bleiben sprichwörtlich im Regen stehen, haben nicht einmal Anspruch auf Grund-sicherung. Einige gingen zurück in ihre Heimatländer, andere sind „hier gestrandet“, wie Nicole sagt. „Etwa vierhundert Sexarbeiter*innen konnten wir mit eingetriebenen Spendengeldern unterstützen“.

Nach einem halben Jahr beruflicher Zwangspause unter Berufung auf das Infektionsschutzgesetz dürfen sie und ihre in Deutschland ansässigen Kolleginnen in fast allen Bundesländern immer noch nicht arbeiten. Mit Erotikangeboten über das Internet gelang es einigen von ihnen, etwas hinzu-zuverdienen. Dennoch ist es zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben. Die finanzielle Situation bereitet den Anbieter*innen von bezahltem Sex große Existenzängste, ihren Kund*innen sexuelle Frustration. Immerhin wird in Deutschland mit einer Zahl von 1,2 Millionen Malen pro Tag für die Inanspruchnahme von sexuellen Dienstleistungen gerechnet. Weil sich auf der einen Seite sexuelle Bedürfnisse nicht einfach durch Verbote abschalten lassen und auf der anderen Seite der Lebensunterhalt gesichert werden muss, wird Prostitution trotz des Verbotes stattgefunden haben und stattfinden. Nur eben in der Illegalität und unter Inkaufnahme hoher Bußgeldzahlungen.


Nicole Schulze, die sich im Verband besonders für die Rechte von bereits marginalisierten Sexarbeiter*innen einsetzt und durch Aufklärungsarbeit das Ansehen der Branche in der Gesellschaft verbessern will, ist guter Dinge, dass Rheinland-Pfalz den ersten positiven Zeichen aus Bayern und Berlin bald folgen wird und die Bordelle zur Öffnung freigibt. Mit einem derartig langen Berufsverbot habe keiner von ihnen gerechnet. „Die Schweiz und Österreich haben schon längst auf! Bis dato sind keine Meldungen zu Covid-19-Infektionen von dort bekannt geworden.“ Sie ist überzeugt davon, dass sich die Kund*innen der Sexarbeiter*innen an Hygieneauflagen halten werden, weil sie schlichtweg dankbar sind, überhaupt sexuelle Leistungen in Anspruch nehmen zu dürfen. Sie fordert, den schätzungsweise drei- bis viertausend Sexarbeiter*innen in Rheinland-Pfalz Vertrauen zu schenken. Was schließlich unterscheidet sie so wesentlich von Erbringern anderer körpernaher Dienstleistungen, wie Friseuren oder Masseuren sowie Nagel- Tattoo- und Kosmetikstudios, die mittlerweile von Lockerungen profitieren durften?

Vielleicht ist der Wunsch nach Vertrauen zu viel verlangt von Parteien, Regierungen und einer Öffentlichkeit, die dem Gewerbe bis heute kaum gesellschaftliche Anerkennung einräumen, sondern die Prostituierten eher an den Rand der Gesellschaft drängen. „Nur, weil wir Geld für Sex verlangen, werden wir dafür verurteilt!“ Auch dagegen kämpft Nicole Schulze an, die öffentlich zu ihrer Arbeit steht und es stellvertretend für die vielen Kolleg*innen tut, die noch Angst haben, ihr Gesicht zu zeigen. In Endlosschleife müssen sich der Verband und sie positionieren gegen Diskriminierung und Stigmatisierung. Nicole: „Wir sind stinknormale Menschen, die Respekt und Anerkennung verdient haben!“

Gleichermaßen engagiert sie sich für die vielen Kolleg*innen, die drogenabhängig sind. Gerade sie sind extremst darauf angewiesen, arbeiten zu können, um Geld zu verdienen. „Der Sucht sind Strafen und Verbote egal, sie können den Suchtkranken nicht heilen“, sagt Nicole. Die Sucht suche sich immer Möglichkeiten zur Befriedigung. Gefunden werden sie in der Illegalität. Denn ein Leben ohne Prostitution existiert nicht.

Mit der Verdrängung in die Unsichtbarkeit haben die Corona-Maßnahmen maßgeblich ihren Anteil daran, dass Prostitution jetzt wieder verstärkt eine Gefahr für Leben und Gesundheit der um ihr Überleben kämpfenden Sexarbeiter*innen darstellt. Dabei ist Hygiene den im Gewerbe tätigen Damen und Herren schon vor der Ausrufung der Pandemie ein stets wichtiges Anliegen gewesen. Neben Covid-19 werden sie von verschiedenen anderen Krankheiten und Viren bedroht. Deshalb wissen sie sehr genau, welche Maßnahmen zum Schutz vor Ansteckung zu ergreifen sind. Sie bezeichnen sich selbst als „Hygieneprofis“, denn ihr Körper und ihre Gesundheit sind ihr Kapital, das es zu schützen gilt.

Stellvertretend für ihre Kolleg*innen wendet sich Nicole Schulze an die Landes- und Bundesregierung: „Wir halten uns an Rechte und Pflichten. Schenkt uns endlich Vertrauen und gebt uns unsere sicheren Arbeitsplätze wieder zurück! Wir wollen nicht illegal arbeiten, sondern legal und mit geschützten Rahmenbedingungen!“ Nicht nur das fehlende Geld lasse sie diese Forderungen jetzt so deutlich aussprechen, sondern auch der Wunsch, Kund*innen „endlich wieder real zu treffen, ihre Gesten und Mimik zu erleben, sie zu fühlen, zu riechen und zu schmecken“, wie Nicole es ausdrückt. „Die meisten von uns stecken ihre ganze Leidenschaft, Kreativität und Umsicht“ in die Arbeit.

Wenn die Corona-Auflagen die Prostitution wieder erlauben, wollen sich die Sexarbeiter*innen verstärkt um die Aufpolierung des in der Öffentlichkeit vorherrschenden Bildes ihrer Arbeit kümmern. Durch vielerlei Aktionen werden sie zeigen, dass sie genau wie alle anderen Menschen glücklich sein und geliebt werden wollen, dass sie Respekt und Anerkennung brauchen. Ihr Job dürfe nicht länger einer Vorverurteilung unterliegen, die die Motivation für die Berufswahl nicht berücksichtigt. „Sprecht mit uns“, sagt Nicole. „Hört Euch unsere Geschichte an. Es geht um mehr als puren Sex!“ Für viele Sexarbeiter*innen sei der Job eine Leidenschaft. Sie wünschen sich von ganzem Herzen, als vollwertiger Teil der Gesellschaft anerkannt zu werden.


Der Text wurde von Barbara Senger auf der Grundlage eines schriftlichen Interviews mit Nicole Schulze erstellt.


Samstag, 15. August 2020

In der Krankenpflege mit gesundem Menschenverstand gut durch die Corona-Krise kommen

Die Frage „was ist, wenn ich mich anstecke?“ hat sich die ausgebildete Gesundheits- und Krankenpflegerin Sabine W. (Name geändert) eigentlich nie ernsthaft gestellt. Nicht seit Ausbruch der Corona-Epidemie und nicht einmal dann, wenn sie im Rahmen der ambulanten Pflege Klienten besuchte, die mit dem Krankenhauskeim MRSA infiziert waren. Ausgestattet mit Schutzkleidung, Mund-Nasen-Schutz („MNS“) und Desinfektionsmitteln sah sie sich sogar in der Begegnung mit diesem gefährlichen Keim immer ausreichend geschützt.

Foto: Ani Kolleshi/Unsplash
                                                                 Foto: Ani Kolleshi/Unsplash

Nach 18-jähriger Erfahrung im Bereich Krankenpflege kann sie so schnell nichts erschüttern. Seit einigen Jahren ist sie in der ambulanten Pflege im Angestelltenverhältnis beschäftigt. Täglich besucht sie rund zwanzig Klienten in deren Zuhause, um ihnen dort in der vertrauten Umgebung mit der auf ihren persönlichen Bedarf zugeschnittenen Pflege durch den Alltag zu helfen.

Die von Sabine betreuten Menschen sind überwiegend fit, benötigen nur wegen geringfügiger Einschränkungen häusliche Pflegehilfe, beispielsweise bei der Körperpflege oder bei der Gabe der Insulinspritze. Das ist auch in Corona-Zeiten nicht anders. Allerdings verschärften sich mit Ausbruch der Covid-19-Pandemie die schon an sich strengen Hygiene-Vorschriften, weil gerade ältere und kranke Menschen zu den Risikogruppen der Coronavirus-Erkrankung zählen. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt den Pflegekräften ein generelles Tragen von „MNS“ und Handschuhen sowie für die Pflege von Menschen mit übertragbaren Krankheiten eine Schutzausrüstung. Die Einhaltung eines Abstandes von optimal 2 Metern ist in der Pflege natürlich nicht realisierbar. Sabine hatte anfangs spaßeshalber einmal einem Klienten mit einem Maßband demonstriert, wie weit sie bei Einhaltung der Coronaregeln von ihm entfernt sein müsse. Das amüsierte beide Seiten sehr. Aber natürlich weiß sie um ihre Verantwortung den Klienten gegenüber und hat Desinfektionsmittel und MNS als ständige Begleiter dabei. Nur bei neuen Klienten nimmt sie die Maske kurz einmal ab, um ihr Gesicht zu zeigen, denn ein sichtbares Lächeln ist ein Gewinn für den Pflegebedürftigen und spendet Vertrauen. Das Tragen der Maske kann für schwerhörige Menschen ein Problem darstellen. Denn oftmals sind sie zum besseren Verständnis des Gesagten angewiesen auf zusätzliche Informationen über das Lippenlesen und die Mimik des Sprechers. Daher erlaubt es die Coronaverordnung, während der Kommunikation mit einem gehörlosen oder schwerhörigen Menschen, die Maske vorübergehend abzulegen. Sabine behält sie allerdings meistens auf, spricht dann einfach entsprechend lauter und artikulierter.

Wie reagierten eigentlich ihre Klienten auf den Ausbruch der Pandemie? „Ziemlich gelassen“, sagt sie. Nur einige wenige hätten Angst vor einer Infektion gezeigt. Die Angehörigen seien meist wesentlich ängstlicher gewesen. Einen Sonderfall stellen Pflegebedürftige mit einer Demenz dar. Für sie sei das Geschehen rund um die Viruserkrankung überhaupt kein Thema gewesen, denn sie hätten oft gar nicht verstanden, warum gerade etwas anderes passiert als an den Tagen zuvor.

Sabine hat das Gefühl, durch die größere Isolation der Pflegebedürftigen in der Corona-Zeit, eine engere Beziehung zu ihnen aufgebaut zu haben. Auf ihren Besuch wurde stets mit großer Freude reagiert, er war das Highlight des Tages. Einige wenige Male musste sie ihre Klienten auch trösten. Mitzuerleben, dass Enkel oder Urenkel ihre Großeltern nicht besuchen durften und Glücksmomente wie die Geburt eines neuen Familienmitgliedes nicht im direkten Kontakt gefeiert werden konnten, hatte ihr genau so wehgetan wie den Omas und Opas selbst.

Die Auflagen zur Eindämmung der Pandemie brachten nicht nur verlorene Zeit im Miteinander der Familie, sondern zusätzlich oftmals einen Mobilitätsverlust für die Pflegebedürftigen. Da sämtliche therapeutischen Maßnahmen wie Bewegungsübungen und Massagen untersagt waren, konnte das durchaus eine Reduzierung der Lebensqualität bedeuten. Erfreulicherweise habe es unter dem Strich durch diesen Ausfall aber keine gravierenden gesundheitlichen Probleme gegeben, die eine Erhöhung des Pflegegrades mit sich gebracht hätten. Dennoch hofft Sabine, dass sich ein derartiges Pflegemanko nicht wiederholt. Sie ist davon überzeugt, dass man in der Krankenpflege des Virus wegen keine Abstriche zur Befriedigung der Bedürfnisse der zu Betreuenden machen dürfe. Der Umgang mit den Pflegebedürftigen verlange insbesondere in dieser Krise eine gesunde Portion Vernunft, Fingerspitzengefühl sowie Verantwortungsbewusstsein. Man müsse lernen, mit dem Virus zu leben. Sie sei mit dieser Strategie bisher sehr gut gefahren, obwohl sie selbst zu einer Risikogruppe gehöre.

                                                            Foto: Engin Akyurt/Unsplash

Einige ihrer Kollegen gingen weniger panikfrei mit der Pandemie um und blieben zu Beginn mehrere Wochen lang der Arbeit fern. Sie hatten schlichtweg Angst, sich oder gar ihre Klienten anzustecken. Das Risiko einer Infektion war nicht abschätzbar, zumal weder die Pflegekräfte noch die Pflegebedürftigen auf das Virus getestet wurden. Sabine hält die Entscheidung für richtig, weil es bei allen ihr bekannten Kollegen und Klienten keinerlei Krankheitssymptome gab. Grundloses Testen mache ihrer Meinung nach keinen Sinn.

Die in Vertretung der fehlenden Kollegen geleistete Mehrarbeit bekam sie als Überstunden gutgeschrieben. Trotz dieser Regelung freut sie sich, ein wenig erstaunt über die Wahrwerdung, über die Gutschrift des vom Landesministerium versprochenen Pflegebonus. Die Regierung wollte mit dem Geld (einmalig bis zu 1.000 Euro) „ein Zeichen der besonderen gesellschaftlichen Wertschätzung der Menschen setzen, die in Rheinland-Pfalz in den Einrichtungen der Altenhilfe während der Corona-Krise Großes leisten“, wie es hieß. Ja, der Beifall der Menschen hatte sie in der ärgsten Zeit der Krise schon angespornt, aber diese finanzielle Anerkennung sei natürlich die wirkungsvollere.

Noch mehr würde es Sabine freuen, wenn die Politik die Krise zum Anlass nähme, die grundlegenden Probleme in der Pflege, insbesondere die personelle Unterbesetzung, ganz konkret anzugehen. Es gelte zu bedenken, dass immerhin zwei von drei der rund 2,5 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland zu Hause gepflegt werden und die Angehörigen damit zusehends überfordert sind. „Neue, gut ausgebildete Pflegekräfte braucht das Land“. Mit ihnen stehe und falle die Qualität unseres im Verhältnis zu vielen anderen Ländern herausragenden Gesundheitssystems, meint Sabine.

Obwohl sich mit der Lohnangleichung Ost/West, der in diesem Jahr erfolgten Anhebung des Mindestlohns und der Neuberechnung des Urlaubsaufschlags schon vieles zum Besseren gewendet habe, gibt es noch einen Punkt, den die mit beiden Beinen im Leben stehende Pflegerin optimiert sehen möchte. Es fehlt an Freizeit. Bei einer 5,5-Tage-Woche muss sie derzeit elf Tage in Folge arbeiten, um dann zwei Tage freizubekommen. Offenbar hat die Bundesregierung ihren und den Wunsch aller Pflegekräfte gehört. Denn „zusätzlich zum gesetzlichen Urlaubsanspruch wird es für alle Beschäftigte in der Pflege, sofern sie in einer Fünf-Tage-Woche arbeiten, in diesem Jahr fünf weitere Urlaubstage geben“.

Solche Entschlüsse, sagt Sabine, tragen entscheidend dazu bei, den Pflegeberuf attraktiver zu machen und somit mehr Menschen für ihn zu gewinnen. Die Sorge vieler, sie könnten den Anforderungen körperlich nicht gerecht werden, sei unbegründet. Es gebe mittlerweile unterstützende technische Hilfsmittel für nahezu jede Dienstleistung in der Pflege. Sie selbst ist von eher zarter Statur und wisse trotzdem jede Herausforderung zu bewältigen, ohne dabei ihren Rücken zu sehr zu belasten. 

Sabine wirbt für eine Tätigkeit in der Krankenpflege, einer abwechslungsreichen Arbeit. In kaum einem anderen Beruf gebe es so viel Anerkennung und Dankbarkeit. Wer mit Herz und Verstand die Arbeit in der Pflege angehe, finde hier eine berufliche Erfüllung.



Das Gespräch mit Sabine W. führten Barbara Senger und Sylvie Weber.


Mein Leben im Wandel

Bevor das Virus namens Corona die Regierenden dieser Welt kaperte, hatte ich, die Autorin dieses Blogs, zwei Standbeine zur finanziellen Abs...