Samstag, 15. August 2020

In der Krankenpflege mit gesundem Menschenverstand gut durch die Corona-Krise kommen

Die Frage „was ist, wenn ich mich anstecke?“ hat sich die ausgebildete Gesundheits- und Krankenpflegerin Sabine W. (Name geändert) eigentlich nie ernsthaft gestellt. Nicht seit Ausbruch der Corona-Epidemie und nicht einmal dann, wenn sie im Rahmen der ambulanten Pflege Klienten besuchte, die mit dem Krankenhauskeim MRSA infiziert waren. Ausgestattet mit Schutzkleidung, Mund-Nasen-Schutz („MNS“) und Desinfektionsmitteln sah sie sich sogar in der Begegnung mit diesem gefährlichen Keim immer ausreichend geschützt.

Foto: Ani Kolleshi/Unsplash
                                                                 Foto: Ani Kolleshi/Unsplash

Nach 18-jähriger Erfahrung im Bereich Krankenpflege kann sie so schnell nichts erschüttern. Seit einigen Jahren ist sie in der ambulanten Pflege im Angestelltenverhältnis beschäftigt. Täglich besucht sie rund zwanzig Klienten in deren Zuhause, um ihnen dort in der vertrauten Umgebung mit der auf ihren persönlichen Bedarf zugeschnittenen Pflege durch den Alltag zu helfen.

Die von Sabine betreuten Menschen sind überwiegend fit, benötigen nur wegen geringfügiger Einschränkungen häusliche Pflegehilfe, beispielsweise bei der Körperpflege oder bei der Gabe der Insulinspritze. Das ist auch in Corona-Zeiten nicht anders. Allerdings verschärften sich mit Ausbruch der Covid-19-Pandemie die schon an sich strengen Hygiene-Vorschriften, weil gerade ältere und kranke Menschen zu den Risikogruppen der Coronavirus-Erkrankung zählen. Das Robert-Koch-Institut empfiehlt den Pflegekräften ein generelles Tragen von „MNS“ und Handschuhen sowie für die Pflege von Menschen mit übertragbaren Krankheiten eine Schutzausrüstung. Die Einhaltung eines Abstandes von optimal 2 Metern ist in der Pflege natürlich nicht realisierbar. Sabine hatte anfangs spaßeshalber einmal einem Klienten mit einem Maßband demonstriert, wie weit sie bei Einhaltung der Coronaregeln von ihm entfernt sein müsse. Das amüsierte beide Seiten sehr. Aber natürlich weiß sie um ihre Verantwortung den Klienten gegenüber und hat Desinfektionsmittel und MNS als ständige Begleiter dabei. Nur bei neuen Klienten nimmt sie die Maske kurz einmal ab, um ihr Gesicht zu zeigen, denn ein sichtbares Lächeln ist ein Gewinn für den Pflegebedürftigen und spendet Vertrauen. Das Tragen der Maske kann für schwerhörige Menschen ein Problem darstellen. Denn oftmals sind sie zum besseren Verständnis des Gesagten angewiesen auf zusätzliche Informationen über das Lippenlesen und die Mimik des Sprechers. Daher erlaubt es die Coronaverordnung, während der Kommunikation mit einem gehörlosen oder schwerhörigen Menschen, die Maske vorübergehend abzulegen. Sabine behält sie allerdings meistens auf, spricht dann einfach entsprechend lauter und artikulierter.

Wie reagierten eigentlich ihre Klienten auf den Ausbruch der Pandemie? „Ziemlich gelassen“, sagt sie. Nur einige wenige hätten Angst vor einer Infektion gezeigt. Die Angehörigen seien meist wesentlich ängstlicher gewesen. Einen Sonderfall stellen Pflegebedürftige mit einer Demenz dar. Für sie sei das Geschehen rund um die Viruserkrankung überhaupt kein Thema gewesen, denn sie hätten oft gar nicht verstanden, warum gerade etwas anderes passiert als an den Tagen zuvor.

Sabine hat das Gefühl, durch die größere Isolation der Pflegebedürftigen in der Corona-Zeit, eine engere Beziehung zu ihnen aufgebaut zu haben. Auf ihren Besuch wurde stets mit großer Freude reagiert, er war das Highlight des Tages. Einige wenige Male musste sie ihre Klienten auch trösten. Mitzuerleben, dass Enkel oder Urenkel ihre Großeltern nicht besuchen durften und Glücksmomente wie die Geburt eines neuen Familienmitgliedes nicht im direkten Kontakt gefeiert werden konnten, hatte ihr genau so wehgetan wie den Omas und Opas selbst.

Die Auflagen zur Eindämmung der Pandemie brachten nicht nur verlorene Zeit im Miteinander der Familie, sondern zusätzlich oftmals einen Mobilitätsverlust für die Pflegebedürftigen. Da sämtliche therapeutischen Maßnahmen wie Bewegungsübungen und Massagen untersagt waren, konnte das durchaus eine Reduzierung der Lebensqualität bedeuten. Erfreulicherweise habe es unter dem Strich durch diesen Ausfall aber keine gravierenden gesundheitlichen Probleme gegeben, die eine Erhöhung des Pflegegrades mit sich gebracht hätten. Dennoch hofft Sabine, dass sich ein derartiges Pflegemanko nicht wiederholt. Sie ist davon überzeugt, dass man in der Krankenpflege des Virus wegen keine Abstriche zur Befriedigung der Bedürfnisse der zu Betreuenden machen dürfe. Der Umgang mit den Pflegebedürftigen verlange insbesondere in dieser Krise eine gesunde Portion Vernunft, Fingerspitzengefühl sowie Verantwortungsbewusstsein. Man müsse lernen, mit dem Virus zu leben. Sie sei mit dieser Strategie bisher sehr gut gefahren, obwohl sie selbst zu einer Risikogruppe gehöre.

                                                            Foto: Engin Akyurt/Unsplash

Einige ihrer Kollegen gingen weniger panikfrei mit der Pandemie um und blieben zu Beginn mehrere Wochen lang der Arbeit fern. Sie hatten schlichtweg Angst, sich oder gar ihre Klienten anzustecken. Das Risiko einer Infektion war nicht abschätzbar, zumal weder die Pflegekräfte noch die Pflegebedürftigen auf das Virus getestet wurden. Sabine hält die Entscheidung für richtig, weil es bei allen ihr bekannten Kollegen und Klienten keinerlei Krankheitssymptome gab. Grundloses Testen mache ihrer Meinung nach keinen Sinn.

Die in Vertretung der fehlenden Kollegen geleistete Mehrarbeit bekam sie als Überstunden gutgeschrieben. Trotz dieser Regelung freut sie sich, ein wenig erstaunt über die Wahrwerdung, über die Gutschrift des vom Landesministerium versprochenen Pflegebonus. Die Regierung wollte mit dem Geld (einmalig bis zu 1.000 Euro) „ein Zeichen der besonderen gesellschaftlichen Wertschätzung der Menschen setzen, die in Rheinland-Pfalz in den Einrichtungen der Altenhilfe während der Corona-Krise Großes leisten“, wie es hieß. Ja, der Beifall der Menschen hatte sie in der ärgsten Zeit der Krise schon angespornt, aber diese finanzielle Anerkennung sei natürlich die wirkungsvollere.

Noch mehr würde es Sabine freuen, wenn die Politik die Krise zum Anlass nähme, die grundlegenden Probleme in der Pflege, insbesondere die personelle Unterbesetzung, ganz konkret anzugehen. Es gelte zu bedenken, dass immerhin zwei von drei der rund 2,5 Millionen Pflegebedürftigen in Deutschland zu Hause gepflegt werden und die Angehörigen damit zusehends überfordert sind. „Neue, gut ausgebildete Pflegekräfte braucht das Land“. Mit ihnen stehe und falle die Qualität unseres im Verhältnis zu vielen anderen Ländern herausragenden Gesundheitssystems, meint Sabine.

Obwohl sich mit der Lohnangleichung Ost/West, der in diesem Jahr erfolgten Anhebung des Mindestlohns und der Neuberechnung des Urlaubsaufschlags schon vieles zum Besseren gewendet habe, gibt es noch einen Punkt, den die mit beiden Beinen im Leben stehende Pflegerin optimiert sehen möchte. Es fehlt an Freizeit. Bei einer 5,5-Tage-Woche muss sie derzeit elf Tage in Folge arbeiten, um dann zwei Tage freizubekommen. Offenbar hat die Bundesregierung ihren und den Wunsch aller Pflegekräfte gehört. Denn „zusätzlich zum gesetzlichen Urlaubsanspruch wird es für alle Beschäftigte in der Pflege, sofern sie in einer Fünf-Tage-Woche arbeiten, in diesem Jahr fünf weitere Urlaubstage geben“.

Solche Entschlüsse, sagt Sabine, tragen entscheidend dazu bei, den Pflegeberuf attraktiver zu machen und somit mehr Menschen für ihn zu gewinnen. Die Sorge vieler, sie könnten den Anforderungen körperlich nicht gerecht werden, sei unbegründet. Es gebe mittlerweile unterstützende technische Hilfsmittel für nahezu jede Dienstleistung in der Pflege. Sie selbst ist von eher zarter Statur und wisse trotzdem jede Herausforderung zu bewältigen, ohne dabei ihren Rücken zu sehr zu belasten. 

Sabine wirbt für eine Tätigkeit in der Krankenpflege, einer abwechslungsreichen Arbeit. In kaum einem anderen Beruf gebe es so viel Anerkennung und Dankbarkeit. Wer mit Herz und Verstand die Arbeit in der Pflege angehe, finde hier eine berufliche Erfüllung.



Das Gespräch mit Sabine W. führten Barbara Senger und Sylvie Weber.


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