Mittwoch, 19. August 2020

Sexarbeiter*innen fordern: "Gebt uns unsere sicheren Arbeitsplätze wieder zurück!"

Seit März 2020 halten die Maßnahmen zur Bekämpfung der Covid-19-Pandemie Deutschland in Atem. Der Lockdown bescherte der Bevölkerung ein umfassendes Kontaktverbot und ein Ausübungsverbot für eine große Anzahl von Berufen. Besonders hart traf das Solo-Selbständige, Freiberufler und Kleinstunternehmen. Für sie erdachte die Bundesregierung Soforthilfekredite und Überbrückungshilfen.

Staatliche Unterstützung klingt gut, kommt aber längst nicht bei jedem an, sagt Nicole Schulze, die seit 2019 dem in Berlin ansässigen Berufsverband erotische und sexuelle Dienstleistungen e.V. als Vorstandsmitglied angehört. Sie weiß, wovon sie redet. Schon seit ihrem 18. Lebensjahr ist sie hauptberuflich als Sexarbeiterin tätig, seit vielen Jahren im eigenen Wohnwagen. Für sie ist das der zunächst aus Geldnot geborene, dann aber freiwillig gewählte Weg des Geldverdienens. Sie nennt den Beruf „facettenreich“. Er biete ihr in der Selbständigkeit die Chance, mit wenig Arbeitszeit mehr als durchschnittlich zu verdienen. Doch sie kennt auch die Probleme, die auf dem Gewerbe der Prostitution lasten.


Jetzt hat die Corona-Krise zusätzliche geschaffen. Seit Mitte März müssen laut Regierungsbeschluss deutschlandweit alle Bordelle und andere Prostitutionsstätten geschlossen bleiben. Wer wegen des Verdienstausfalls staatliche Unterstützung in Anspruch nehmen muss, hat Mindestvoraussetzungen zu erfüllen. Für den Großteil der geschätzt achtzig Prozent Migrant*innen unter den Sexworker*innen in Deutschland, ist das nicht möglich. Über ihnen spannte sich keinerlei finanzieller Schutzschirm auf. Sie blieben und bleiben sprichwörtlich im Regen stehen, haben nicht einmal Anspruch auf Grund-sicherung. Einige gingen zurück in ihre Heimatländer, andere sind „hier gestrandet“, wie Nicole sagt. „Etwa vierhundert Sexarbeiter*innen konnten wir mit eingetriebenen Spendengeldern unterstützen“.

Nach einem halben Jahr beruflicher Zwangspause unter Berufung auf das Infektionsschutzgesetz dürfen sie und ihre in Deutschland ansässigen Kolleginnen in fast allen Bundesländern immer noch nicht arbeiten. Mit Erotikangeboten über das Internet gelang es einigen von ihnen, etwas hinzu-zuverdienen. Dennoch ist es zu wenig zum Leben, zu viel zum Sterben. Die finanzielle Situation bereitet den Anbieter*innen von bezahltem Sex große Existenzängste, ihren Kund*innen sexuelle Frustration. Immerhin wird in Deutschland mit einer Zahl von 1,2 Millionen Malen pro Tag für die Inanspruchnahme von sexuellen Dienstleistungen gerechnet. Weil sich auf der einen Seite sexuelle Bedürfnisse nicht einfach durch Verbote abschalten lassen und auf der anderen Seite der Lebensunterhalt gesichert werden muss, wird Prostitution trotz des Verbotes stattgefunden haben und stattfinden. Nur eben in der Illegalität und unter Inkaufnahme hoher Bußgeldzahlungen.


Nicole Schulze, die sich im Verband besonders für die Rechte von bereits marginalisierten Sexarbeiter*innen einsetzt und durch Aufklärungsarbeit das Ansehen der Branche in der Gesellschaft verbessern will, ist guter Dinge, dass Rheinland-Pfalz den ersten positiven Zeichen aus Bayern und Berlin bald folgen wird und die Bordelle zur Öffnung freigibt. Mit einem derartig langen Berufsverbot habe keiner von ihnen gerechnet. „Die Schweiz und Österreich haben schon längst auf! Bis dato sind keine Meldungen zu Covid-19-Infektionen von dort bekannt geworden.“ Sie ist überzeugt davon, dass sich die Kund*innen der Sexarbeiter*innen an Hygieneauflagen halten werden, weil sie schlichtweg dankbar sind, überhaupt sexuelle Leistungen in Anspruch nehmen zu dürfen. Sie fordert, den schätzungsweise drei- bis viertausend Sexarbeiter*innen in Rheinland-Pfalz Vertrauen zu schenken. Was schließlich unterscheidet sie so wesentlich von Erbringern anderer körpernaher Dienstleistungen, wie Friseuren oder Masseuren sowie Nagel- Tattoo- und Kosmetikstudios, die mittlerweile von Lockerungen profitieren durften?

Vielleicht ist der Wunsch nach Vertrauen zu viel verlangt von Parteien, Regierungen und einer Öffentlichkeit, die dem Gewerbe bis heute kaum gesellschaftliche Anerkennung einräumen, sondern die Prostituierten eher an den Rand der Gesellschaft drängen. „Nur, weil wir Geld für Sex verlangen, werden wir dafür verurteilt!“ Auch dagegen kämpft Nicole Schulze an, die öffentlich zu ihrer Arbeit steht und es stellvertretend für die vielen Kolleg*innen tut, die noch Angst haben, ihr Gesicht zu zeigen. In Endlosschleife müssen sich der Verband und sie positionieren gegen Diskriminierung und Stigmatisierung. Nicole: „Wir sind stinknormale Menschen, die Respekt und Anerkennung verdient haben!“

Gleichermaßen engagiert sie sich für die vielen Kolleg*innen, die drogenabhängig sind. Gerade sie sind extremst darauf angewiesen, arbeiten zu können, um Geld zu verdienen. „Der Sucht sind Strafen und Verbote egal, sie können den Suchtkranken nicht heilen“, sagt Nicole. Die Sucht suche sich immer Möglichkeiten zur Befriedigung. Gefunden werden sie in der Illegalität. Denn ein Leben ohne Prostitution existiert nicht.

Mit der Verdrängung in die Unsichtbarkeit haben die Corona-Maßnahmen maßgeblich ihren Anteil daran, dass Prostitution jetzt wieder verstärkt eine Gefahr für Leben und Gesundheit der um ihr Überleben kämpfenden Sexarbeiter*innen darstellt. Dabei ist Hygiene den im Gewerbe tätigen Damen und Herren schon vor der Ausrufung der Pandemie ein stets wichtiges Anliegen gewesen. Neben Covid-19 werden sie von verschiedenen anderen Krankheiten und Viren bedroht. Deshalb wissen sie sehr genau, welche Maßnahmen zum Schutz vor Ansteckung zu ergreifen sind. Sie bezeichnen sich selbst als „Hygieneprofis“, denn ihr Körper und ihre Gesundheit sind ihr Kapital, das es zu schützen gilt.

Stellvertretend für ihre Kolleg*innen wendet sich Nicole Schulze an die Landes- und Bundesregierung: „Wir halten uns an Rechte und Pflichten. Schenkt uns endlich Vertrauen und gebt uns unsere sicheren Arbeitsplätze wieder zurück! Wir wollen nicht illegal arbeiten, sondern legal und mit geschützten Rahmenbedingungen!“ Nicht nur das fehlende Geld lasse sie diese Forderungen jetzt so deutlich aussprechen, sondern auch der Wunsch, Kund*innen „endlich wieder real zu treffen, ihre Gesten und Mimik zu erleben, sie zu fühlen, zu riechen und zu schmecken“, wie Nicole es ausdrückt. „Die meisten von uns stecken ihre ganze Leidenschaft, Kreativität und Umsicht“ in die Arbeit.

Wenn die Corona-Auflagen die Prostitution wieder erlauben, wollen sich die Sexarbeiter*innen verstärkt um die Aufpolierung des in der Öffentlichkeit vorherrschenden Bildes ihrer Arbeit kümmern. Durch vielerlei Aktionen werden sie zeigen, dass sie genau wie alle anderen Menschen glücklich sein und geliebt werden wollen, dass sie Respekt und Anerkennung brauchen. Ihr Job dürfe nicht länger einer Vorverurteilung unterliegen, die die Motivation für die Berufswahl nicht berücksichtigt. „Sprecht mit uns“, sagt Nicole. „Hört Euch unsere Geschichte an. Es geht um mehr als puren Sex!“ Für viele Sexarbeiter*innen sei der Job eine Leidenschaft. Sie wünschen sich von ganzem Herzen, als vollwertiger Teil der Gesellschaft anerkannt zu werden.


Der Text wurde von Barbara Senger auf der Grundlage eines schriftlichen Interviews mit Nicole Schulze erstellt.


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