Samstag, 19. September 2020

Alles bleibt, alles kommt wieder - auch für die Künstler?

Kunst ist eine Art der Kommunikation – Kunst ist Leben“, heißt es in einem Flyer der Künstlerin Jutta Reiss. Der in Deutschland Ende März verfügte Lockdown sowie die folgenden Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie bereiteten dieser Kommunikation ein jähes Ende. Viele Monate lang waren Maler, Bildhauer und andere Kunstschaffende in ihren Ateliers alleingelassen mit ihrer künstlerischen Kreativität. Weil Museen und Galerien geschlossen bleiben mussten, konnten sie die Ergebnisse ihrer Arbeit nicht präsentieren. Die einzige Alternative war, die Werke im Internet zu veröffentlichen. Doch die ersehnte Interaktion mit dem Betrachter ist dabei nur recht eingeschränkt möglich.

Die in diesem Jahr wegen der Infektionsgefahr abgespeckte Museumsnacht Koblenz, die ihr 20-jähriges Jubiläum eigentlich groß feiern sollte, bot Künstlern unter Beachtung von Sicherheits- und Hygienevorschriften eine der ersten Gelegenheiten, ihr Werk einem größeren Publikum in einem künstlerisch wertvollen Rahmen zu zeigen. Die Malerin und Grafikerin Nataliy Schenkmann hatte für diesen Abend die Künstler-Kolleginnen Jutta Reiss und Rita Thompson zu einer Gemeinschaftsausstellung in die Räume des Hotels und Cafés „Kleiner Riesen“ eingeladen.

                                       (v. li.) Jutta Reiss, Rita Thompson, Nataliy Schenkmann


Gefühlt geht es nun langsam wieder los“, sagte Jutta Reiss, die eine Auswahl ihrer Loreley-Skulpturen präsentierte. Weder ihre schwere Erkrankung im Jahr 2016 noch die diesjährige Corona-Krise vermochten es, ihre Kreativität zu bremsen. Schon damals, als sie wegen einer Hirnblutung ins Krankenhaus kam, drehte sich ihr gesamtes Denken einzig um ihre Kunst. Die zurückbehaltene sprachliche und körperliche Behinderung stellt für ihr künstlerisches Wirken keine Einschränkung dar. Ganz im Gegenteil: Sie wurde kompromissloser und sogar noch ein wenig selbstbewusster. Für das, was sie nicht kommunizieren oder umsetzen kann, ist Ehemann Manfred zuständig. Er unterstützt sie, wo es nur geht, so dass sie ihrer Kunst auf dem eigenen, zwischen Dörnberg und Charlottenberg gelegenen Hof viel Raum geben kann. Ein ganzer Skulpturengarten mit mehr als 150 Objekten ist dort entstanden. Sie arbeitet eigentlich unentwegt, sagt sie. Von allem und jedem fühle sie sich inspiriert. Und nahezu jeder Werkstoff findet bei ihr Verwendung. Ihre Kunst vermittelt Emotionen, Lebendigkeit und Ausdruckskraft. Wie schade, dass es lange Zeit kein und jetzt kaum Publikum gibt, das Wertschätzung zeigt für das aus Energie Geschaffene. Die Menschen schienen aus Angst vor dem Virus sogar ihren Kunstgarten zu meiden, wo doch wahrlich ausreichend Platz sei, sagt Jutta. Gerade stellt sie sich die Frage, ob sich die auf die Psyche wirkenden Auswirkungen der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie je wieder zurückbilden werden.


In dieser kontaktarmen Zeit soll der jetzt im Aufbau befindliche Onlineshop ein zweites Standbein werden, um Kunst verkaufen zu können. Auf die Beantragung einer staatlichen Unterstützung für die Mietkosten des Ateliers hatte sie verzichtet, obwohl sie in der Corona-Krise als freie Künstlerin darauf Anspruch gehabt hätte. Der bürokratische Aufwand hätte in keinem Verhältnis zur Unterstützungshöhe gestanden, sagt Manfred Reiss. Seine Energie steckt das Paar dann lieber in Aktionen und Aktivitäten rund um die Kunst. Der heutige Abend bestätige sie darin, denn es seien doch recht viele Besucher gekommen, um bei freiem Eintritt in gastlichem Ambiente Kunst und Kultur zu konsumieren. Die Resonanz sei sehr positiv. Deshalb blickt Jutta voller Zuversicht auf die schon im nächsten Monat geplante Ausstellung in der Bopparder Galerie von Lucia Hinz.


                                            Jutta Reiss vor einigen ihrer Loreley-Figuren


Nataliy Schenkmann sieht die Situation für Kunst und Künstler*innen grundsätzlich genauso positiv. Aber bei der Museumsnacht heute gehe es doch ruhiger zu als in den Vorjahren. Weniger Publikum, weniger Applaus, weniger potentielle Kunst-Käufer. Nein, die geschäftliche Seite ihres künstlerischen Wirkens ist für sie nicht nebensächlich. Sie denke da sehr rational und nutze alle Möglichkeiten, die sich bieten. Diese Zielstrebigkeit, gepaart mit ihrer professionellen, selbständigen künstlerischen Tätigkeit, lehrte sie, sich gut zu verkaufen. Was hilft das aber in Zeiten geschlossener Museen und Galerien? Nur ein Ende der Corona-Auflagen wird Präsentation und Verkauf von Kunst Aufschwung geben. Eine derart schwierige Situation habe sie in den zwanzig Jahren ihrer Selbständigkeit nicht erlebt. Gerade könnte sie ihre Kunst nur „auf Halde produzieren“. Das Atelier fülle sich zusehends, obwohl sie noch Anfang des Jahres Kaufinteressenten vertrösten musste, weil sie „ausverkauft“ war.

In dieser Zeit der chaotischen Regelungen schöpft die renommierte, in Russland geborene Künstlerin, die sich stark, auch in ihren Gemälden dem Koblenzer Stadtteil Ehrenbreitstein verbunden fühlt, Kraft aus der Malerei. Sie sei ihr Leben, das Wichtigste überhaupt. Sie sei für sie Tage füllende Arbeit, Luft zum Leben und Nahrung zugleich. Die Fähigkeit des Malens sei ihr in die Wiege gelegt worden, sie auszubilden sei ein angeborener, geradezu egozentrischer Trieb. Während sie konzentriert male, versinke sie in ihrem eigenen, von Einsamkeit geprägten Kosmos. Ihre Inspiration erhalte sie jedoch aus der Beobachtung der Realität. Dennoch fand das Thema „Corona-Pandemie“ in keiner Weise Einzug in ihr von Architektur- und Porträtmalerei geprägtes künstlerisches Werk, das zur Museumsnacht gerade um die „drei Grazien der Kunst“, ein Porträtbild der ausstellenden Künstlerinnen, angewachsen ist.

                                                Nataliy Schenkmann mit ihrem Porträtbild "Drei Grazien"



Die Koblenzer Künstlerin Rita Thompson ist eine dieser drei Grazien. Sie präsentiert zur Museumsnacht ihre aus Ton gearbeiteten Skulpturen, mit denen sie die Menschlichkeit der nordischen Götterwelt zum Ausdruck bringt. Zugleich wollte sie mit den von ihr zur Nexus-Ausstellung kurz nach Ausbruch der Corona-Pandemie geschaffenen Gefühlsporträts der Götter die Verletzlichkeit der Menschen vor Augen führen. Rita deutet auf die liegende Figur. Sie zeige Zerstörung und scheine zugleich einen Neuanfang möglich zu machen.

Alles bleibt, alles kommt wieder“, klingt es ähnlich in einem Ausspruch von Jutta Reiss. Ein Zeichen, wie sehr die Künstlerinnen optimistisch in die Zukunft der Kunst und ihres Wirkens schauen. Wir wünschen ihnen einen guten Neustart und viel Erfolg!


Das Gespräch mit Jutta Reiss, Nataliy Schenkmann und Rita Thompson führten Sylvie Weber und Barbara Senger am 05.September anlässlich der 20. Museumsnacht Koblenz.

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