Die in diesem Jahr wegen der Infektionsgefahr abgespeckte Museumsnacht Koblenz, die ihr 20-jähriges Jubiläum eigentlich groß feiern sollte, bot Künstlern unter Beachtung von Sicherheits- und Hygienevorschriften eine der ersten Gelegenheiten, ihr Werk einem größeren Publikum in einem künstlerisch wertvollen Rahmen zu zeigen. Die Malerin und Grafikerin Nataliy Schenkmann hatte für diesen Abend die Künstler-Kolleginnen Jutta Reiss und Rita Thompson zu einer Gemeinschaftsausstellung in die Räume des Hotels und Cafés „Kleiner Riesen“ eingeladen.
(v. li.) Jutta Reiss, Rita Thompson, Nataliy Schenkmann
„Gefühlt geht es nun langsam wieder los“, sagte Jutta Reiss, die eine Auswahl ihrer Loreley-Skulpturen präsentierte. Weder ihre schwere Erkrankung im Jahr 2016 noch die diesjährige Corona-Krise vermochten es, ihre Kreativität zu bremsen. Schon damals, als sie wegen einer Hirnblutung ins Krankenhaus kam, drehte sich ihr gesamtes Denken einzig um ihre Kunst. Die zurückbehaltene sprachliche und körperliche Behinderung stellt für ihr künstlerisches Wirken keine Einschränkung dar. Ganz im Gegenteil: Sie wurde kompromissloser und sogar noch ein wenig selbstbewusster. Für das, was sie nicht kommunizieren oder umsetzen kann, ist Ehemann Manfred zuständig. Er unterstützt sie, wo es nur geht, so dass sie ihrer Kunst auf dem eigenen, zwischen Dörnberg und Charlottenberg gelegenen Hof viel Raum geben kann. Ein ganzer Skulpturengarten mit mehr als 150 Objekten ist dort entstanden. Sie arbeitet eigentlich unentwegt, sagt sie. Von allem und jedem fühle sie sich inspiriert. Und nahezu jeder Werkstoff findet bei ihr Verwendung. Ihre Kunst vermittelt Emotionen, Lebendigkeit und Ausdruckskraft. Wie schade, dass es lange Zeit kein und jetzt kaum Publikum gibt, das Wertschätzung zeigt für das aus Energie Geschaffene. Die Menschen schienen aus Angst vor dem Virus sogar ihren Kunstgarten zu meiden, wo doch wahrlich ausreichend Platz sei, sagt Jutta. Gerade stellt sie sich die Frage, ob sich die auf die Psyche wirkenden Auswirkungen der Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie je wieder zurückbilden werden.
In
dieser kontaktarmen Zeit soll der jetzt im Aufbau befindliche
Onlineshop ein zweites Standbein werden, um Kunst verkaufen zu
können. Auf die Beantragung einer staatlichen Unterstützung für
die Mietkosten des Ateliers hatte sie verzichtet, obwohl sie in der
Corona-Krise als freie Künstlerin darauf Anspruch gehabt hätte. Der
bürokratische Aufwand hätte in keinem Verhältnis zur
Unterstützungshöhe gestanden, sagt Manfred Reiss. Seine Energie
steckt das Paar dann lieber in Aktionen und Aktivitäten rund um die
Kunst. Der heutige Abend bestätige sie darin, denn es seien doch
recht viele Besucher gekommen, um bei freiem Eintritt in gastlichem
Ambiente Kunst und Kultur zu konsumieren. Die Resonanz sei sehr
positiv. Deshalb blickt Jutta voller Zuversicht auf die
schon im nächsten Monat geplante Ausstellung in der Bopparder
Galerie von Lucia Hinz.
Jutta Reiss vor einigen ihrer Loreley-Figuren
In dieser Zeit der chaotischen Regelungen schöpft die renommierte, in Russland geborene Künstlerin, die sich stark, auch in ihren Gemälden dem Koblenzer Stadtteil Ehrenbreitstein verbunden fühlt, Kraft aus der Malerei. Sie sei ihr Leben, das Wichtigste überhaupt. Sie sei für sie Tage füllende Arbeit, Luft zum Leben und Nahrung zugleich. Die Fähigkeit des Malens sei ihr in die Wiege gelegt worden, sie auszubilden sei ein angeborener, geradezu egozentrischer Trieb. Während sie konzentriert male, versinke sie in ihrem eigenen, von Einsamkeit geprägten Kosmos. Ihre Inspiration erhalte sie jedoch aus der Beobachtung der Realität. Dennoch fand das Thema „Corona-Pandemie“ in keiner Weise Einzug in ihr von Architektur- und Porträtmalerei geprägtes künstlerisches Werk, das zur Museumsnacht gerade um die „drei Grazien der Kunst“, ein Porträtbild der ausstellenden Künstlerinnen, angewachsen ist.
Die Koblenzer Künstlerin Rita Thompson ist eine dieser drei Grazien. Sie präsentiert zur Museumsnacht ihre aus Ton gearbeiteten Skulpturen, mit denen sie die Menschlichkeit der nordischen Götterwelt zum Ausdruck bringt. Zugleich wollte sie mit den von ihr zur Nexus-Ausstellung kurz nach Ausbruch der Corona-Pandemie geschaffenen Gefühlsporträts der Götter die Verletzlichkeit der Menschen vor Augen führen. Rita deutet auf die liegende Figur. Sie zeige Zerstörung und scheine zugleich einen Neuanfang möglich zu machen.
„Alles bleibt, alles kommt wieder“, klingt es ähnlich in einem Ausspruch von Jutta Reiss. Ein Zeichen, wie sehr die Künstlerinnen optimistisch in die Zukunft der Kunst und ihres Wirkens schauen. Wir wünschen ihnen einen guten Neustart und viel Erfolg!
Das Gespräch mit Jutta Reiss, Nataliy Schenkmann und Rita Thompson führten Sylvie Weber und Barbara Senger am 05.September anlässlich der 20. Museumsnacht Koblenz.



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