Mit gesundheitsorientiertem Tai Chi durch die Corona-Krise
Die Corona-Krise und die mit ihr für viele Menschen einhergehende Zeit zunehmender Unbeweglichkeit öffnet geradezu die Tür für sportliche Aktivitäten und das Erlernen neuer Gesundheitsübungen. Vielleicht eine gute Gelegenheit, sich einmal mit Tai Chi Chuan und Qi Gong zu beschäftigen? Denn diese „gesundheitsorientierten Übungssysteme“ lassen sich nahezu überall und jederzeit trainieren.
Mit einem Angebot von wöchentlich rund 25 Kursen, darunter auch Yoga- und Meditationskurse, und etwa 200 Schülern darf sich das seit 1991 bestehende Koblenzer Tai-Chi-Zentrum in der Firmungstraße 2 zu den größten in Deutschland zählen. Es ist an keinen Verband angeschlossen und bezeichnet sein Lehrsystem als sehr tolerant und offen in Bezug auf die Stilrichtungen. Hier werde entspannter und lockerer als in vielen anderen Zentren unterrichtet, wirbt David Spoden (44) für das Haus. Er ist Tai Chi-Lehrer und Heilpraktiker für Psychotherapie und leitet das Zentrum gemeinsam mit Diplom Psychologe E. Markus Schmitt. „Bei uns stimmen Ambiente und Qualität“, ist er überzeugt. Ihn selbst hat das Tai Chi-Fieber seit dreißig Jahren schon fest im Griff. Eine Tai Chi-Vorführung einer Kung-Fu-Schule weckte in ihm die Lust, diese Sportart zu lernen und zu lehren. Die Verbindung von Kampfkunst und Meditation faszinierte ihn. „Im Jahre 2000 absolvierte ich die Lehrerprüfung in London bei Meister Chu King Hung“. Seither unterrichtete er mehr als 1.000 Schüler und bildete viele Tai Chi Lehrer aus.
Von der seit Mitte März 2020 in Kraft getretenen Corona-Eindämmungsmaßnahme, mit der Sportstudios geschlossen bleiben müssen, ist auch das Tai Chi-Zentrum betroffen. David Spoden sei nur kurz geschockt gewesen, sagt er. Eine von ihm versendete Rundmail an die Schüler des Zentrums erfuhr eine derart positive Rückmeldung, dass er sich spontan entschloss, direkt ab dem auf die Schließung folgenden Tag die Kurse für sich selbst, seine Schüler und für jedermann auf einem anderen Weg weiter anzubieten. Sein Facebook-Anfänger-Kurs für Tai Chi war geboren. Eine Viertelstunde lang tägliche Meditation in Bewegung, wie sich Tai Chi am besten beschreiben lässt. Inzwischen sind dreißig Kurs-Tage zusammengekommen. Die Resonanz war von Anfang an riesig. Das erste Video erreichte rund 2.000 Aufrufe auf YouTube und 7.000 auf Facebook. Die Minikurse zum Mitmachen sind nach wie vor online und hier zu finden: https://www.youtube.com/playlist?list=PLbpjurKu4A5hww-bAlm2DlukRMxpiNbPg
Zusätzlich schätzt sich das Zentrum glücklich, bereits 2019 erstmalig Onlinekurse eingerichtet zu haben, allerdings ein wenig kürzer als die Gruppen-Kurse, weil die Aufmerksamkeit von Lehrern und Schülern bei Bildschirmarbeit schneller nachlasse. Das Fehlen der Komponente der sozialen Begegnung und der aus der Gruppe erwachsenden Motivation ist der wesentlichste Unterschied zu den Gruppenkursen. Um diesen Mangel ein wenig auszugleichen, setzte das Zentrum zusätzlich virtuelle Gruppenkurse in einem virtuellen Tai Chi-Raum in die Welt. Die Corona-Zeit habe die Online-Gemeinschaft anwachsen lassen. Vermutlich zeigten sich die Schüler, die hauptsächlich in mittlerem und hohem Alter sind, dieser Kursform zunehmend aufgeschlossen gegenüber, weil sie sich einer Risikogruppe zugehörig fühlten und von daher Live-Kurse so oder so vermieden hätten.
Seit einigen Tagen erlaubt die rheinland-pfälzische Landesregierung nun wieder das Trainieren im Freien, sofern Kontaktverbot/Mindestabstand eingehalten werden. Das lassen sich Lehrer und ihre Schüler natürlich nicht zweimal sagen und nutzen die Gelegenheit, im kleinen Garten hinter dem Haus, in dem sich das Zentrum befindet, zu üben und mit Tai Chi Kraft und Energie aufzutanken. Das mache Tai Chi aus. Darüber hinaus lehre es Achtsamkeit für den eigenen Körper und die Kunst seiner Wahrnehmung.
Weiterhin geschlossen bleiben muss die Teestube, die vor Corona noch ein geselliger Treffpunkt vor und nach dem Training war. Ebenso dürfen Umkleideräume und der Sanitärbereich nicht benutzt werden. Das soll selbst dann noch gelten, wenn ab dem 27. Mai das Zentrum die insgesamt vier, allesamt sehr ansprechend ausgestalteten Übungsräume unter strengen Auflagen wieder für das Training nutzen darf. Die Vorschrift, nur wenige Schüler im Raum gemeinsam zu trainieren ist mit dem offenen Kurssystem des Zentrums ohne größere Probleme umsetzbar. Denn Mitglieder haben damit die Möglichkeit, ohne Mehrkosten auf Parallel-Kurse auszuweichen.
Mit der Wiedereröffnung werden zudem die an jedem ersten Montag im Monat angebotenen, kostenlosen Einführungsstunden für Tai Chi neu belebt.
Unter dem Strich ist Spoden davon überzeugt, dass der Lockdown das Tai Chi-Zentrum für die Zukunft sogar besser aufstellte. Insbesondere was die Digitalität anbelangt. Das Online-Angebot soll weiter ausgebaut und noch besser strukturiert werden, so dass bei künftigen möglichen Schließungen bestmöglich auf die Situation reagiert werden könne. Außerdem will er weiterhin neue Ideen in die Unterrichtsarbeit einfließen lassen, immer wieder neue Schwerpunkte für das Training setzen. Ein Training, das Geist und Gesundheit gleichermaßen fördert.
Das Gespräch mit David Spoden führte Barbara Senger am 20. Mai 2020 per Videokonferenz.
Fotos: Tai Chi Zeintrum Koblenz



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